Eine berufliche Neuorientierung ist nicht einfach. Genauso wenig wie jede andere tiefgreifende Veränderung. Ich vergleiche sie gerne mit einer Trennung vom Partner. Widersprüchliche Gefühle und nicht gekannte Ängste können einen da schon mal überwältigen. Eine Achterbahnfahrt der Gefühle…

Meistens beschäftigen wir uns beim Gedanken an eine berufliche Neuorientierung vor allem mit der Phase des Beendens (Wie schaffe ich den Sprung?) und mit der Phase des Neubeginns (Wie fange ich neu an?). Damit ist es aber lange nicht getan.

Der Prozess umfasst nach Prof. William Bridges 3 Phasen, die notwendig sind, damit ein Change gelingt:

  1. Beenden und loslassen
  2. Die neutrale Zone
  3. Der Neuanfang

Die neutrale Zone – irgendwo dazwischen

Was meiner Meinung nach viel zu wenig Beachtung bekommt, ist die 2. Phase, zwischen Ende und Neuanfang. Und dabei ist sie entscheidend, damit der Neuanfang wirklich gelingt.

Ich kenne niemanden, der eine berufliche Veränderung durchgezogen hat und dazwischen nicht durch die neutrale Zone ging. Z.B. in Form einer Auszeit oder einfach einer Zeit des „Wartens“. Wohlgemerkt: Ich spreche hier von ECHTER grundlegender Neuorientierung, nicht von einem gewöhnlichen Jobwechsel.

Warum kommt die neutrale Zone in der Betrachtung so kurz?

Weil wir oft glauben, wir könnten nahtlos vom Alten ins Neue übergehen. Weil wir es glauben WOLLEN.

Die neutrale Zone ist nicht angenehm. War die erste Phase mit starken Gefühlen wie Verzweiflung, Angst, Enttäuschung und Wut noch sehr nach außen gerichtet und oft durch starke Impulse und viel Aktivität bestimmt, so kommen jetzt die leisen Gefühle, das Hadern mit sich selbst. Zweifel, Unsicherheit, Unruhe, nicht wissen, Langeweile, Leere, Stillstand – Gefühle, die du mit dir selbst ausmachen musst. Und Warten. Warten, warten, warten.

Es dauert uns viel zu lange, wir wollen diese Phase am liebsten auslassen, wollen endlich die Antworten finden und das Problem lösen.

Und wir realisieren nicht, dass wir damit den Prozess unterbrechen würden. Es wäre so, als wenn du die Dunkelkammer öffnen würdest, bevor das Bild fertig entwickelt ist.

Wir sind ungeduldig und wollen endlich etwas TUN! Haben den Eindruck, dass einfach nichts passiert. Dabei passiert Entscheidendes. Wie in der Dunkelkammer. Diese Phase ist von persönlichem Wachstum geprägt.

Lass uns einen Blick in die Natur werfen. Die Raupe z.B. spinnt einen Kokon. Von außen hat es den Anschein, dass nichts passiert… Oder die so wichtige Winterpause: Erst danach erwachen die Pflanzen zu neuem Leben, obwohl es so aussah als wäre alles leblos.

Manche Dinge müssen reifen

Wenn du diese Zwischen-Phase auslässt, dann verpasst du wertvolle Einsichten und läufst Gefahr, falsche Entscheidungen zu treffen. Wirkliche Transformation und Erneuerung kann nur stattfinden, wenn du zu deiner ursprünglichen Energie zurück findest. Und nicht an einer bereits vorhandenen Form herumdokterst.

Warten bedeutet nicht Nichtstun.
Sei geduldig, aktiv geduldig. Beobachte und studiere dich beim Warten. Erlaube dir, zuzuschauen, zuzuhören und anzunehmen, was kommt.

Entschleunige und akzeptiere, dass du nichts tun musst

Trete aus deiner gewohnten Umgebung heraus. Vielen Menschen hilft es, Zeit in der Natur zu verbringen. Andere schwören z.B. auf Meditation. Ich liebe es in der Sonne zu liegen und nur die Geräusche der Natur zu hören, den Wind, einen Bach, das Vogelzwitschern, Grillengezirpe.

Einfach mal hinhören, in dich hinein horchen, im Moment leben, Träume wieder entdecken und Gefühle, die du fühlst, wenn du nichts entscheiden kannst und willst. Nichts forcieren, nichts müssen.

Neuorientierung

Obwohl sich viele Menschen durch einen Neustart an sich beflügelt fühlen, brauchen sie dennoch Zeit, um sich an eine neue Situation anzupassen. Wenn diese fruchtbare Leere fehlt, wenn du ständig unter Strom stehst und immer beschäftigt bist, ist es oft sehr schwierig neu anzufangen. Vertraue darauf, dass deine Neuorientierung umso fundierter und zukunftsfähiger wird, je mehr du dir die neutrale Zone erlaubst.

Veränderung ist die einzige Konstante in unserem Leben. Und niemand kann vermeiden, dass wir hin und wieder durch Veränderungsprozesse gehen müssen. Allerdings haben unterschiedliche Menschen verschiedene Methoden, wie sie mit Veränderung umgehen.

Neuorientierung heißt aktiv werden, aber nicht immer machen

Als ich aus meinem letzten Angestelltenjob ausgestiegen war, musste auch ich mich erst einmal wieder selbst finden. Ich habe mir zunächst einfach mal ein paar Wochen Zeit und Ruhe gegönnt, um wieder bei mir anzukommen. Ich hatte keine Ahnung, wie ich weiter machen wollte. Angestellt? Selbstständig? Aber ich war in dieser Zeit einfach überhaupt nicht in der Lage, mir das zu überlegen.

Das war einerseits unangenehm für mich, andererseits aber auch ein Glück. Wäre ich nicht so „ausgepowert“ gewesen, hätte ich keine Ruhe gegeben und hätte das Problem so schnell wie möglich gefixt. Und das wäre definitiv viel zu schnell gewesen. Heute bin ich mir 100% sicher, dass ich dann wieder ins Hamsterrad zurück wäre und noch mal eine Extra-Runde gedreht hätte, bevor ich erneut an der gleichen Stelle angekommen wäre.

Für mich war der totale Abstand wichtig. Andernfalls wäre ich nicht in der Lage gewesen, mich selbst zu spüren. Es war hart, das auszuhalten. Die Ungewissheit dessen, was kommt und nichts zu tun. Nicht in Aktionismus zu verfallen. Aber es war der einzige Weg. Und es war schön, langsam das Vertrauen zurück zu gewinnen, dass alles gut werden wird. Auch ohne dass ich steuere und pushe.

Geht es auch ohne Auszeit?

Die einen müssen mit vollendeten Tatsachen klar kommen, andere schaffen selbst Tatsachen. Das erfordert viel Mut. Und der kommt meist durch einen hohen Leidensdruck. Nichts geht mehr.

Ich glaube nicht daran, dass es ohne Phase 2 geht. Das bedeutet jedoch nicht zwingend, dass du eine komplette Job-Auszeit brauchst. Je tiefer du allerdings im Hamsterrad steckst, desto wahrscheinlicher ist das. Alles auf Null setzen. Ja, vorübergehend. In Phase 3, beim Neuanfang kannst du auf all deiner Erfahrung aufsetzen.

Berufliche Neuorientierung ohne Orientierung?

Egal welcher dein Weg ist, ich finde jedenfalls, dass das Modell von Professor Bridges klarer macht wie Veränderungen ablaufen und hilft, sie nicht mehr ganz so beängstigend und überwältigend aussehen zu lassen. Und wenn du weniger Angst hast, kannst du dich leichter auf das Unbekannte einlassen und bei jedem Schritt spielerisch neugierig essentielle Erkenntnisse über dich lernen.

Es ist also völlig normal, wenn dir in dieser Phase die Orientierung fehlt. Gerade wenn du jemand bist, der sonst viel voran treibt, Entscheidungen trifft, Ziele erreicht, ist es vielleicht unerträglich, dass du keine Fortschritte zu machen scheinst, du dein Ziel nicht einmal siehst.

Diese Übergangsphase schaffst du leichter, wenn du dich jemandem anvertraust, der dich unterstützt. Oft ist es schwierig, im direkten Umfeld auf Verständnis zu stoßen. An dieser Stelle macht es häufig sehr viel Sinn, sich einer neutralen Person anzuvertrauen.

Die Perspektive von außen, völlig ohne persönliche Interessen und Gefühle, schafft schnell Klarheit und kann die richtigen Schritte aufzeigen.

Gerne kannst du dich bei mir zu einem unverbindlichen Gespräch melden. Bit.ly/TERMIN_SV

Photo by Kira Hoffmann on Pixabay

    2 replies to "Wie du deine berufliche Neuorientierung gelassener angehst"

    • Simone

      Super geschrieben 🙂
      Es war sehr inspirierend das zu lesen.
      Du hast vollkommen Recht die Phase dazwischen wird meistens ausgeblendet.
      Liebe Grüße

      • Sabine Votteler

        Schön, dass du das auch so siehst!

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