Mit 50 beruflich festgefahren… vielleicht kennst du dieses Gefühl: Du schaust auf deinen Lebenslauf und denkst dir: Und jetzt? Vielleicht siehst du vor allem Brüche. Hier ein Wechsel, dort eine Richtungsänderung. Oder du erkennst: Ich hab‘ mein Leben lang nur das eine gemacht – etwas anderes kann ich ja gar nicht.
Höre die Podcast-Episode hier:
Der letzte Job passt nicht mehr, aber du weißt auch nicht, wie es weitergehen soll. Besonders in der Lebensmitte kann sich die berufliche Situation wie eine Sackgasse anfühlen.
Und dann kommt die Frage: Muss ich jetzt etwas ganz Anderes machen, um wieder glücklich zu werden? Oder habe ich keine Alternative als weiterzumachen wie bisher, obwohl ich genau das nicht mehr will?
Die gute Nachricht: Es gibt einen dritten Weg. Einen Weg, der dich nicht vor die Wahl stellt, sondern beides zusammenbringt. Und deine Neuorientierung zusätzlich viel leichter macht.
Dieser Weg basiert auf etwas, das du vielleicht noch nicht siehst, das aber schon lange da ist: dein roter Faden.
Hinweis: Dieser Artikel ergänzt meinen Beitrag „Radikale Neuorientierung in der Lebensmitte – Bruch oder logische Weiterentwicklung?“ Während es dort um die emotionale Verarbeitung und das Aushalten der Zwischenphase geht, zeige ich dir hier eine praktische Methode, wie du die versteckte Kontinuität in deiner Geschichte findest.
Und hier kannst du die Podcast-Folge als Video anschauen:
Warum es sich beruflich festgefahren anfühlt – obwohl ein Weg da ist
Wenn du dich mit 50plus beruflich festgefahren fühlst, liegt das selten daran, dass es tatsächlich keinen Ausweg gibt. Es liegt meist daran, dass wir unseren eigenen Weg nicht sehen können, weil wir aus der falschen Perspektive schauen.
Wir erkennen die Entwicklung nicht, sehen Chaos statt Muster und Widersprüche statt Kontinuität. Und genau deshalb fühlen wir uns orientierungslos. Dabei wäre eigentlich ziemlich viel Orientierung da, wenn wir sie erkennen würden.
Das Problem ist nicht, dass du keinen roten Faden hast. Das Problem ist, dass du ihn noch nicht siehst.
Das Dilemma: Festgefahren zwischen zwei unattraktiven Optionen
Wenn Menschen in der Lebensmitte über berufliche Veränderung nachdenken und sich festgefahren fühlen, landen sie häufig in einer Sackgasse zwischen zwei unattraktiven Optionen:
- Option 1: Das Naheliegende. Den bisherigen Job im Prinzip weitermachen, vielleicht bei einer anderen Firma. Dasselbe in Grün. Oder das Gleiche nur in der Selbständigkeit statt angestellt. Das fühlt sich logisch an, aber oft ist es genau das, worauf man keine Lust mehr hat.
- Option 2: Der radikale Neuanfang. Komplett was Neues machen. Etwas (er-)finden, das mit der bisherigen Karriere nichts zu tun hat. Das klingt verlockend, aber auch beängstigend oder realitätsfremd: Mit 50, Mitte 50 noch mal von vorne anfangen? Come on!
Beide Wege führen zu Frustration, weil sie von einer falschen Grundannahme ausgehen: Dass man sich entscheiden muss zwischen „Vergangenheit fortsetzen“ und „sich komplett neu erfinden“.
Doch es gibt eine dritte Möglichkeit, und die beginnt mit einem Perspektivwechsel.
Warum wir unseren eigenen roten Faden nicht sehen
Wir alle kennen den Spruch: „Das Leben muss vorwärts gelebt werden, aber es kann nur rückwärts verstanden werden.“ Und genau das ist der Punkt.
Während wir unser Leben leben, denken wir nicht in Mustern. Wir denken in Rollen, Entscheidungen, Tätigkeiten, Aufgaben. Wir reagieren auf das, was um uns herum passiert.
Wir treffen Entscheidungen situativ, jetzt, im Moment und im Leben und nicht strategisch. Wir bewerten unsere Stationen isoliert: „Da war ich im Vertrieb und hab‘ dies und das gemacht. Und dort hatte ich eine Führungsrolle.“
Erst im Rückblick können wir die Zusammenhänge erkennen. Erst aus der Vogelperspektive wird sichtbar, was sich da eigentlich durchzieht. Aber solange wir mittendrin stecken, sehen wir vor allem:
- Brüche statt Entwicklung
- Umwege statt logische Schritte
- Widersprüche statt Kontinuität
- Chaos statt Muster
- Neuanfänge statt Fortsetzungen
Und genau deshalb fühlen sich so viele beruflich festgefahren, obwohl der Weg eigentlich da ist und nur weitergegangen werden müsste.
Ein Beispiel: Von der Biologie zum Coaching – wo ist da der Zusammenhang?
In meiner letzten Podcast-Episode #215 hatte ich Kenneth Simon zu Gast. Wir sprachen über seinen Weg aus der Karriere in die Selbständigkeit. Erst anschließend, beim Bearbeiten der Episode und beim Schreiben des zugehörigen Blogartikels ist mir etwas aufgefallen, das ich während des Gesprächs selbst nicht so klar gesehen hatte.
Auf den ersten Blick wirkt sein Lebenslauf wechselhaft:
- Studium: Humanbiologie
- Erste Station: Labor
- Zweite Station: Vertrieb
- Dritte Station: Führungsposition
- Heute: Coaching und Selbständigkeit
Wenn man das so liest: Biologie → Labor → Vertrieb → Führung → Coaching – wo ist da bitte der Zusammenhang?
Doch wenn man genauer hinschaut, wird ein roter Faden sichtbar, der sich durch alles durchzieht: das Interesse am Menschen.
Der rote Faden: Menschen verstehen, entwickeln, begleiten
Kenneth studierte Humanbiologie, weil er ein ausgeprägtes Interesse am Menschen hatte. Doch im Labor – stundenlang in der Dunkelheit vorm Mikroskop – hatte er mit Menschen nichts zu tun. Das konnte er sich auf Dauer nicht vorstellen.
Also wechselte er in den Vertrieb. Plötzlich war er wieder unter Menschen. Das Thema „Interesse an Menschen“, das ihn ursprünglich zur Biologie gebracht hatte, konnte er hier leben.
Die nächste Station: Führungsposition. Er übernahm ein Team, in dem er zuvor selbst Mitglied war – keine einfache Aufgabe. Ohne Schulung, ohne große Vorbereitung. Und es funktionierte gut. Warum? Weil er offensichtlich gut mit Menschen kann.
Heute arbeitet er als Coach. Und wieder geht es um: Menschen. Wie sie funktionieren. Wie man sie unterstützt, zwischen ihnen vermittelt. Wie man sie entwickelt. Wie man für sie ein Vorbild ist.
Der rote Faden war von Anfang an und immer da. Aber er war nicht der Jobtitel. Er war das, was darunter lag: der Antrieb, die Art zu wirken, das, was jemanden erfolgreich und zufrieden macht.
Was ist DEIN roter Faden?
Der rote Faden ist nicht:
- eine bestimmte Branche
- ein Jobtitel
- eine lineare Karriereentwicklung
Der rote Faden ist:
- das, was dich antreibt
- das, wodurch du wirkst
- das, was du in verschiedenen Rollen immer wieder getan hast, auch ganz ohne Auftrag
- das, was dich erfolgreich gemacht hat
Ein paar Beispiele:
- Verantwortung übernehmen: Vielleicht zeigt sich in deiner Geschichte immer wieder, dass du Verantwortung übernommen hast, auch ohne dass du der Chef warst. Dass du in solchen Momenten auflebst. Dass du sagst: „Ich kümmere mich darum.“ Dann liegt das in deiner DNA. Und deine nächste Rolle muss eine sein, in der genau das möglich ist.
- Dinge erklären und verknüpfen: Vielleicht warst du immer dann wirksam, wenn du Sachen erklären musstest. Wenn du Zusammenhänge herstellen, Dinge weiterentwickeln konntest. Dann ist das Teil deines roten Fadens und gehört in deine Zukunft.
- Strukturen schaffen: Vielleicht hast du in jeder Station Chaos in Ordnung verwandelt. Prozesse aufgebaut. Systeme entwickelt. Auch das ist ein roter Faden, der dich trägt.
Bei mir selbst war es immer wieder, selbstständig etwas Neues, vorher nie Dagewesenes auf die Beine zu stellen und zum Laufen zu bringen. Das lebte ich in vielen Jobs. Und in denen, wo es nicht ging, funktionierte ich nicht gut.
Der entscheidende Perspektivwechsel
Viele suchen nach einer neuen Idee, Möglichkeit oder nach einer neuen Leidenschaft. Nach dem einen Ding, das sie begeistern kann.
Dabei ist es längst da. Klingt ernüchternd langweilig? Nein, denn es sagt nichts über die Form, den Kontext, die Arbeit an sich aus und kann im Grunde alles sein.
Du hast in früheren Positionen doch schon mal Sinn erlebt. Begeisterung und Motivation. Was damals der Grund dafür war, wird dich vermutlich nach wie vor begeistern. Nur das Drumherum – die Formate, in denen du es gelebt hast – passt nicht mehr.
Das bedeutet:
- Du musst dich nicht komplett neu erfinden.
- Du musst nicht bei Null anfangen.
- Aber du musst auch nicht mit dem Alten weitermachen.
- Du musst vielmehr das, was schon da ist, ein bisschen weiterdenken.
Je besser du deinen roten Faden kennst und je ernster du ihn nimmst, desto klarer wird er. Desto logischer wird alles. Und desto mehr Möglichkeiten tun sich plötzlich auf.
Neuorientierung ist kein spontaner Entschluss, sondern ein Prozess
Eine berufliche Neuorientierung in der Lebensmitte ist selten eine spontane oder sofort klare Entscheidung, die man einfach treffen kann. Es ist vielmehr ein Prozess, in dem man:
- begutachtet, was da eigentlich alles war
- analysiert, was dahintersteckte
- sortiert und spiegelt
- probiert und weiterentwickelt.
Dadurch findest du heraus: Was lässt sich daraus entwickeln? Was ist stimmig?
Das Ergebnis entsteht nicht dadurch, dass wir uns komplett neu erfinden, sondern dadurch, dass wir konsequenter wir selbst sind. Dass wir unserem roten Faden klarer folgen. Dass wir immer mehr zu uns selbst werden.
Praktische Schritte: So findest du deinen roten Faden
Wenn du gerade an dem Punkt stehst, wo du das Gefühl hast, du müsstest alles auf den Kopf stellen, dann lohnt sich ein Schritt zurück:
- Schau dir deine beruflichen Stationen an
Nicht die Jobtitel, sondern:
- Was habe ich da wirklich konkret gemacht?
- Was war mein tatsächlicher Beitrag?
- Was hat mich dort erfolgreich gemacht?
- Suche nach Mustern
- Was hat mir Spaß gemacht, und taucht das mehrfach auf?
- Wann war ich wirklich wirksam?
- Gibt es Wiederholungen, die ich bisher nicht als solche gesehen habe?
- Denke das Muster weiter
- In welchem Umfeld könnte ich diesen Faden weiterspinnen?
- Wo bringe ich bereits Erfahrung und Glaubwürdigkeit mit?
- Was könnte passen, auch wenn es auf den ersten Blick eher nicht so aussieht?
Häufige Fragen: Beruflich festgefahren mit 50
Was tun, wenn man mit 50 beruflich festgefahren ist?
Der erste Schritt ist ein Perspektivwechsel. Statt zu denken „Ich muss komplett neu anfangen“ oder „Ich kann nur weitermachen wie bisher“, schaue auf deinen roten Faden: Was hat dich in früheren Rollen erfolgreich gemacht? Welches Muster zieht sich durch deine Karriere? Oft liegt der Ausweg aus der beruflichen Sackgasse nicht im kompletten Neuanfang, sondern darin, das Vorhandene konsequenter zu leben.
Ist es mit 50 zu spät für eine berufliche Veränderung?
Nein. Aber du musst dich nicht komplett neu erfinden. Die meisten Menschen haben bereits einen roten Faden in ihrer beruflichen Geschichte, sie sehen ihn nur nicht. Wenn du diesen Faden erkennst und konsequent weiterspinnst, entsteht keine radikale Veränderung, sondern eine logische Weiterentwicklung. Das macht den beruflichen Wandel mit 50plus nicht nur möglich, sondern oft sogar stimmiger als in jüngeren Jahren.
Wie finde ich meinen beruflichen roten Faden?
Stelle dir drei Fragen:
- (1) Was habe ich in verschiedenen Rollen wirklich konkret gemacht, unabhängig vom Jobtitel?
- (2) Wann war ich besonders wirksam und zufrieden?
- (3) Gibt es ein Muster, das sich wiederholt?
Meistens liegt der rote Faden nicht im Job selbst, sondern in der Art, wie du wirkst: Verantwortung übernehmen, erklären, strukturieren, entwickeln. Diese Muster sind deine DNA und der Schlüssel zu einer stimmigen Neuorientierung.
Fazit: Du musst dich nicht neu erfinden – du darfst mehr du selbst werden
Beruflich festgefahren mit 50 fühlt sich oft ausweglos an. Wie das Wegwerfen von allem, was bisher war. Wie eine berufliche Sackgasse.
Doch wenn du genau hinschaust, ist es das Gegenteil: Es ist die Chance, endlich konsequent dem zu folgen, was schon immer da war. Deinem roten Faden. Dem, was dich antreibt. Dem, wodurch du wirkst.
Du musst dich nicht komplett neu erfinden. Du darfst mehr du selbst werden.
Und das ist wahnsinnig wertvoll – egal, was dann letztendlich daraus entsteht.
Wenn du an dieser Stelle bist und Unterstützung brauchst, jemanden, der mit dir nicht nur auf deinen Lebenslauf schaut, sondern tiefer geht und hilft, den roten Faden zu erkennen, dann buch dir gerne ein kostenloses Erstgespräch.
Mehr zur emotionalen Verarbeitung dieser Phase und zum Aushalten der Zwischenphase findest du in meinem Artikel „Radikale Neuorientierung in der Lebensmitte – Bruch oder logische Weiterentwicklung?“



