Radikale Neuorientierung in der Lebensmitte – Bruch oder Weiterentwicklung?

Radikale Neuorientierung in der Lebensmitte – Bruch oder logische Weiterentwicklung?


Neuorientierung in der Lebensmitte – ist das ein Bruch oder eine logische Weiterentwicklung?
Das ist auf den ersten Blick vielleicht eine rhetorische Frage. Für viele fühlt sie sich allerdings alles andere als theoretisch an.

Höre die Podcast-Episode hier:

 

Mir geht es in dieser Podcast-Episode nicht darum, irgendetwas schönzureden oder den Bruch zu verharmlosen. Ganz ausdrücklich nicht.
Neuorientierung ist nicht automatisch gut, nicht leicht und schon gar nicht angenehm.
Aber mir geht es darum, den Blick darauf zu verändern. Dinge geradezurücken. Die Situation weniger einseitig und etwas „gerechter“ aus zweierlei Perspektive zu betrachten.

 

Wenn sich alles nach „wegschmeißen“ anfühlt

Viele Menschen beschreiben mir ihre Situation so:
Mit 50, 55 oder 60 steht plötzlich alles Kopf. Alles was bisher getragen hat, scheint plötzlich hinfällig zu sein.
Es fühlt sich an, als würden sie ihr bisheriges Leben wegwerfen.

Und dann kommt diese Frage:
War das alles umsonst? Die ganze Mühe? Die viele Zeit? Die Energie?

Oft sage ich an dieser Stelle: Möglicherweise fühlt es sich gerade nur so an.
Vor allem jetzt, mitten im Umbruch.

 

Warum diese Brüche so unterschiedlich entstehen

Nicht jede Neuorientierung geschieht freiwillig. Viele werden dazu gezwungen.

Manche durch äußere Entscheidungen, auf die sie keinen Einfluss hatten. Kündigungen. Umstrukturierungen. Strategische Richtungswechsel.
Und dann die ernüchternde Erfahrung: Mit über 50 ist es plötzlich gar nicht mehr so leicht, etwas Neues zu finden.

Hier kannst du die Folge als Video anschauen:

Karriere vorbei? Warum Neuorientierung in der Lebensmitte sich wie Scheitern anfühlt

Andere werden vom eigenen Körper gestoppt.
Burnout. Erschöpfung. Schlaflosigkeit. Panikattacken.
Der Moment, in dem klar wird: Ich kann hier nicht mehr weitermachen.

Gerade diese unfreiwilligen Brüche sind besonders hart.
Weil man nicht nur aus dem Job herausfällt, sondern aus etwas viel Tiefgreifenderem.

 

Es geht nicht nur um den Job

Was in solchen Situationen wegbricht, ist selten nur die Tätigkeit.
Es ist der Verlust von etwas, das vorher ganz selbstverständlich zu einem gehört hat.

Die Rolle, der Titel, die Zugehörigkeit, das Selbstverständnis. Ein riesiges Stück Identität. Und das wird meist unterschätzt.

Viele haben sich über Jahre, manchmal Jahrzehnte, stark über ihre berufliche Rolle definiert. Oft sogar über eine bestimmte Firma.
Und dann fühlt es sich plötzlich so an, als wäre all die investierte Zeit und Energie umsonst gewesen.

All das war lange stabil und verlässlich. Und ist plötzlich ins Wanken geraten oder ganz weg.

Kein Wunder, dass sich diese Phase wie ein radikaler Einschnitt anfühlt – wie ein Karrierebruch, der alles infrage stellt.

 

Der Rückblick: War alles falsch?

Wenn dieser Bruch passiert, sind die Reaktionen oft heftig. Schock. Angst. Zukunftssorgen.

Typische Gedanken sind: Was soll jetzt kommen? Was mache ich, wenn das alles nicht mehr passt? Ich kann ja nichts anderes.

Und mir ist an dieser Stelle wichtig, das klar zu sagen: Diese Gefühle sind berechtigt. Sie sind real. Sie müssen nicht relativiert oder weggeredet werden.

In solchen Phasen beginnen viele, ihre eigene Geschichte rückwärts zu erzählen.
Plötzlich wirkt vieles falsch. Frühere Entscheidungen erscheinen naiv. Erfolge werden klein geredet. Es entsteht häufig der Gedanke, man habe Jahre in etwas investiert, das sich jetzt als Irrweg entpuppt.

Diese rückblickende Entwertung der eigenen Laufbahn ist eine typische innere Dynamik in der beruflichen Krise in der Lebensmitte. Wie sie entsteht und warum sie kein Beweis für falsche Entscheidungen ist, ordne ich in meinem Grundlagenartikel zur beruflichen Krise in der Lebensmitte bei Führungskräften ausführlicher ein.

Dieser Zweifel ist menschlich, aber er ist meist kein guter Ratgeber.

Denn jede Entscheidung, die du damals getroffen hast, war zu diesem Zeitpunkt sinnvoll.
Du hast sie auf Basis dessen getroffen, was dir damals wichtig war, was du wusstest und was du konntest.

Dass es heute nicht mehr passt, bedeutet nicht, dass es damals falsch war.

Es bedeutet, dass sich etwas verändert hat.

Genau an diesem Punkt verwechseln viele einen Übergang mit Scheitern. 

Diese rückblickende Entwertung der eigenen Entscheidungen ist eine typische innere Dynamik in der beruflichen Krise in der Lebensmitte. Eine übergeordnete Einordnung dazu findest du im Grundlagenartikel zur beruflichen Krise in der Lebensmitte bei Führungskräften.

 

Deine Erfahrung ist nicht plötzlich wertlos

Alles, was du gelernt hast, ist noch da.
Deine Erfahrung, dein Know-how, deine Expertise verlieren ihren Wert nicht über Nacht.

Was viele allerdings erleben:
Sie bewerben sich. Sprechen mit Headhuntern. Reagieren auf Stellenanzeigen.
Und merken: Die klassischen Wege greifen nicht mehr.

Genau hier beginnt ein notwendiger Perspektivenwechsel.

Es geht nicht mehr darum, das Gleiche weiterzumachen wie vor 20 Jahren. Und sich genauso zu verkaufen wie damals.

Deine Bedürfnisse haben sich verändert. Und dein Auftreten nach außen darf das auch. Ob das in einem anderen Job passiert, in einer neuen Rolle oder in der Selbstständigkeit, ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass du nicht versuchst, an etwas festzuhalten, das es so nicht mehr gibt.

Manchmal ist loszulassen kein Verlust, sondern ein Segen.
Plötzlich entsteht dadurch Raum für andere Prioritäten.

 

Karrierebruch oder Weiterentwicklung in der Lebensmitte?

Diese Frage steht im Zentrum der Episode, und sie ist zentral für viele Menschen in dieser Phase.

Was ich in meiner Arbeit immer wieder sehe:
Eine berufliche Krise oder Neuorientierung in der Lebensmitte ist sehr häufig kein Rückschritt, sondern eine logische Weiterentwicklung. Sie ist Ausdruck innerer Konsequenz.

Du hast dich verändert.
Deine Prioritäten haben sich verschoben.
Deine Erfahrung ist gewachsen.

Was früher gut gepasst hat, trägt heute vielleicht nicht mehr. Das ist kein Makel. Das ist Weiterentwicklung.

Das fühlt sich im Moment nicht gut an. Rückblickend macht es häufig sehr viel Sinn.

Wenn du diese Zusammenhänge tiefer und strukturierter einordnen möchtest, findest du dazu einen ausführlichen Grundlagenartikel zur beruflichen Krise in der Lebensmitte bei Führungskräften auf meiner Website:
👉 https://www.sabinevotteler.com/berufliche-krise-lebensmitte-fuehrungskraft/

 

Die schwierige Phase dazwischen

Zwischen dem „nicht mehr“ und dem „noch nicht“ liegt eine Phase, die viele kaum aushalten.
Orientierungslosigkeit. Unsicherheit. Der Drang, schnell wieder eine Lösung zu haben.

Ich kenne diesen Druck aus eigener Erfahrung. Und rückblickend weiß ich: Viel davon war selbstgemacht.

Unter Druck treffen wir selten kluge Entscheidungen. Die Gefahr ist groß, wieder ins alte Fahrwasser zu geraten, nur weil es vertraut ist.

Diese Phase ist kein Defizit. Sie ist ein Übergang. Und Übergänge dauern.

Aus der Innenperspektive fühlt sich das oft wie ein Karrierebruch an. Versagen vielleicht.
Rückblickend zeigt sich jedoch häufig: Es war der notwendige Übergang zu etwas Stimmigerem.

 

Die schwierige Zwischenphase

Zwischen dem Alten, das nicht mehr passt, und dem Neuen, das noch nicht klar ist, liegt eine Phase, die viele als besonders belastend erleben.

Orientierungslosigkeit.
Unsicherheit.
Der innere Druck, möglichst schnell wieder handlungsfähig zu sein.

Diese Zwischenphase ist nicht angenehm, aber normal. Sie ist kein Defizit.
Sie ist ein Übergangszustand.

Problematisch wird es vor allem dann, wenn man versucht, ihn zu überspringen. Wenn man aus Angst vor dem Nicht-Wissen und der Unsicherheit vorschnelle Entscheidungen trifft und damit unbewusst in alte Muster zurückkehrt, weil sie vertraut sind.

 

Warum ich diese Episode aufgenommen habe

Ich habe diese Folge aufgenommen, weil ich diese Situation aus eigener Erfahrung kenne.
Ich hatte Angst. Panik. Das Gefühl, in einem schwarzen Loch zu stecken.

Und ich habe sie aufgenommen, weil ich heute weiß:
Ohne diesen schmerzhaften Bruch hätte ich nichts Grundlegendes verändert.
Ähnliche Jobs hätten nichts besser gemacht. Die alten Muster hätten mich wieder eingeholt.

Was sich zunächst wie ein Karrierebruch anfühlt, entpuppt sich oft als notwendige Weiterentwicklung in der Lebensmitte.

 

Eine Einladung zum Schluss

Wenn du ehrlich in dich hineinhörst: Was will sich in deinem Leben gerade weiterentwickeln?

Vielleicht ist das gerade die wichtigere Frage als die nach dem nnächste Schritt?

Wenn du möchtest, kannst du mit meinem kostenlosen Career Transition Test herausfinden, wo du in diesem Prozess gerade stehst: https://sabinevotteler.com/berufliche-neuorientierung-test-start/ und was in deiner aktuellen Phase hilfreich ist – und was eher nicht.
Oder du lässt diese Gedanken erst einmal wirken und hörst dir die Episode in Ruhe an.

 

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