Mit 61 Jahren, nach fast 35 Jahren im Konzern, stand mein Interview-Gast Anita Glombik plötzlich vor dem Nichts. Ihre Stelle wurde gestrichen, die Kündigung flatterte auf den Tisch, und der Kalender, der eben noch voll war mit Terminen, Meetings und Telefonaten, war von einem Tag auf den anderen leer. Von „Frau Wichtig“ wurde sie über Nacht zu „Frau Niemand“. So beschreibt Anita es selbst. „Bin ich zu alt für den Arbeitsmarkt?“ Diese Frage stand plötzlich im Raum. Eine Frage, die vielen Führungskräften 50+ in ähnlichen Momenten Sorgen macht. Anita war sich relativ sicher, dass sie das nicht war, die Realität sieht anders aus. Und doch zeigt Anitas Geschichte, wie eine Kündigung zum Befreiungsschlag werden kann.
Höre hier die Podcast-Episode.
Wer in Deutschland über 50 ist und sich beruflich neu orientieren will, bekommt oft zu spüren, dass einem das Etikett „zu alt für den Arbeitsmarkt“ schneller verpasst wird, als man denkt. Bei der Agentur für Arbeit gelten Menschen ab 48 offiziell als „schwer vermittelbar“. Und je höher das Alter steigt, desto enger wird es mit den Chancen. Es gibt sie, aber es dauert wesentlich länger und braucht andere Strategien, wenn man mit Ü50 einen Job sucht.
Anita hat das selbst erlebt. Seit ihrer Kündigung vor fast zwei Jahren schreibt sie Bewerbungen. Monat für Monat. Ohne Erfolg und sehr häufig sogar ohne irgendeine Antwort. Zwei Jahre später ist sie offiziell immer noch arbeitssuchend. Doch innerlich hat sie sich längst davon verabschiedet. Verzagen tut sie deshalb nicht!
Wann ist man „zu alt für den Arbeitsmarkt“?
Das Etikett „zu alt für den Arbeitsmarkt“ beschreibt weniger eine reale Grenze, ab der man nicht mehr leistungsfähig ist, als eine mentale. Es sagt nichts darüber aus, was Menschen 50+ tatsächlich können, sondern was Unternehmen glauben – oder glauben wollen.
Lies weiter oder schau das Video, dann wirst du sehen, was Anita alles „leistet“…
Anitas hat eine Bilderbuch-Karriere hingelegt. Sich sprichwörtlich die Leiter hochgearbeitet: Laborantin, Technikerschule, HIV-Testentwicklung in den 80ern, später Produktmanagerin in einem amerikanischen Konzern, Marketingleiterin Europa, Sales Managerin für DACH, schließlich Sales Director EMEA mit 400 Mitarbeitenden. Fast 35 Jahre lang war sie Führungskraft in internationalen Strukturen, reiste viel, war bekannt und beliebt, führte Teams und traf gewichtige Entscheidungen.
35 Jahre bei der gleichen Firma – Warum auch ein sicherer Job nicht sicher ist
Und dann kam der Bruch. 2023 wurde ihr gekündigt.
Im Rückblick fand sie ihre Rolle in Wahrheit schon eine ganze Zeit nicht mehr richtig gut. Ein neuer Chef veränderte das Klima im Unternehmen radikal. Aus einem kooperativen Miteinander wurde ein toxisches Umfeld: Erfolge des Teams verbuchte er für sich, Misserfolge verteilte er großzügig auf alle anderen. Druck, Misstrauen, Kontrolle. Anita dachte mehrfach ans Gehen, hielt aber durch, aus Vernunft, aus Loyalität und vielleicht auch aus Gewohnheit.
Man könnte sagen, sie wartete, bis ihr die Entscheidung abgenommen wurde. Und trotzdem war es ein Schock. Von jetzt auf gleich war die Identität weg, die jahrelang an den Job geknüpft war. Kein Team, keine Deadlines, keine Bedeutung mehr.
Auf ihrer Website schreibt sie: Position gestrichen, drei Monate Kündigungsfrist – und überraschenderweise das Gefühl von Freiheit.
Zum ersten Mal seit Jahrzehnten kein Umsatzdruck, keine Quartalsziele, kein politisches Taktieren im Konzern.
Zu alt für den Arbeitsmarkt – Rückzug oder Neustart?
Wer eine Kündigung mit 60 erlebt, könnte in Panik verfallen. Und in ein große schwarzes Loch fallen. Nutzlos, wertlos, hoffnungslos. Vielen passiert das – selbst wenn es der reguläre Ruhestand und ihre Existenz gesichert ist.
Anita fiel nicht in ein Loch, weil sie aktiv wurde. Sie verließ sich nicht darauf, dass sie alsbald einen neuen Job finden würde. Sie hatte das Glück, dass sie finanziell gut gepolstert war. Und sie hatte etwas, das stärker war als Angst vor Veränderung oder existenzieller Bedrohung: Neugier.
Sie begann Weiterbildungen. Beschäftigte sich mit künstlicher Intelligenz. Probierte Neues aus. Suchte den Austausch mit anderen. Und sie merkte: „Zu alt für den Arbeitsmarkt“ bedeutete für sie nicht Ende, sondern Chance!
Während andere sich zurückziehen, ging sie nach vorne. Nicht weil sie schon einen fertigen Plan hatte. Sondern weil sie etwas tat, das vielen in der Lebensmitte schwerfällt: Sie blieb in Bewegung.
Was tun, wenn Bewerbungen ab 50/60 ins Leere laufen?
Das ist der Knackpunkt für viele Führungskräfte 50+: Bewerbungen bringen kaum Ergebnisse. Wer auf den offenen Stellenmarkt setzt, verzettelt sich oft in Hoffnung und Frust.
Die Gründe sind bekannt:
- Altersdiskriminierung, unausgesprochen, aber real.
- Vorurteile über Flexibilität, Leistungsfähigkeit, Lernbereitschaft, Kosten.
- Eine Wirtschaftslage, die wenig Spielraum für Risiko lässt.
Was also tun?
Aus meiner Erfahrung ist klar: Wer sich mit über 50 bewirbt, braucht andere Wege. Der verdeckte Stellenmarkt ist entscheidend – Netzwerke, Kontakte, persönliche Gespräche. Oder der Schritt in die Selbstständigkeit.
Genau das zeigt Anitas Beispiel. Denn obwohl sie sich formal weiter bewerben „muss“, ist ihr Herz längst woanders. Sie baut etwas Eigenes auf. Und das ist entscheidend: Nicht der Arbeitsmarkt definiert, was sie wert ist, sondern sie selbst.
Wenn der Arbeitsmarkt Nein sagt – wie du trotzdem das Ja zu dir findest
Die eigentliche Transformation beginnt, wenn man den Blick vom Außen ins Innen richtet.
Anita hat gemerkt: Sie muss nicht mehr beweisen, dass sie ins Konzernsystem passt. Sie kann ihr Wissen anders nutzen. Sie begann, ihre Erfahrungen in neue Bahnen zu lenken.
Heute berät sie Unternehmen zum Thema Altersdiversität. Ein Feld, das ihr direkt aus der eigenen Erfahrung vertraut ist: Sie weiß, wie sich Diskriminierung anfühlt, wenn man mit über 60 keine Chance mehr bekommt. Und sie weiß, welchen Schatz Unternehmen wegwerfen, wenn sie Mitarbeitende 50+ nicht einbeziehen.
Ihre Arbeit zeigt: Das „Eigene“ entsteht oft genau aus einem Problem heraus, das man selbst erlebt oder erlebt hat. Wie eine ganz natürliche und sehr logische Weiterentwicklung.
Zu alt für den Arbeitsmarkt? 3 Dinge, die jetzt wirklich zählen
Die Frage „Bin ich zu alt für den Arbeitsmarkt?“ lässt sich nicht allein mit Zahlen und nicht pauschal beantworten. Entscheidend sind die eigene Haltung, Klarheit und Mut. Und die richtige Herangehensweise.
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Klarheit
Was will ich wirklich? Viele entdecken in der Lebensmitte, dass sie – damals – einen Beruf gewählt haben, um den Eltern zu gefallen oder gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen. Doch was will ich wirklich mit dem Rest meines Lebens anfangen? Diese Frage kann unbequem sein, aber sie ist der Schlüssel.
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Mut
„Den Mutigen gehört die Welt“, sagt Anita. Mut heißt nicht, alles zu riskieren. Mut heißt, den ersten Schritt zu machen, auch dann, wenn die Zukunft unklar ist.
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Aktiv bleiben
Wer im Stillstand verharrt, verliert Energie. Anita hat es anders gemacht: Sie hat Neues gelernt, sich weitergebildet, ausprobiert. Ihr Tipp: „Mindestens einmal pro Woche etwas zum ersten Mal tun.“ Kleine Experimente halten den Kopf frisch und öffnen Türen.
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Richtige Herangehensweise
Erst wissen, wer du bist und was du willst, daraus ableiten für wen, wo und womit du einen Mehrwert leisten kannst und willst. Und dann persönliche Ansprache deiner Wunschunternehmen. Vergiss Stellenausschreibungen.
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Fazit – Warum Erfahrung kein Alter kennt
Anitas Geschichte zeigt, wie irreführend die Frage „Zu alt für den Arbeitsmarkt?“ eigentlich ist.
Ja, die Realität ist hart. Bewerbungen über 60 laufen oft ins Leere. Diskriminierung gibt es, und viele Türen bleiben verschlossen. Aber gleichzeitig eröffnet genau dieser Bruch die Chance, eigene Wege zu gehen.
Eine Kündigung mit 60 ist nicht das Ende der Karriere. Sie kann der Beginn eines neuen Kapitels sein, selbstbestimmt, sinnvoll und frei.
Denn die Erfahrung, die Führungskräfte 50+ mitbringen, verschwindet nicht mit einer Absage. Sie ist ein Schatz, der genutzt werden will. Und den Jüngere per Definition nicht haben KÖNNEN.
Wenn du gerade spürst, dass es auch bei dir so nicht mehr weitergeht – oder die Entscheidung von Dritten gefällt wurde -, du aber nicht weißt, wie der nächste Schritt aussieht, dann habe ich heute sogar zwei Ideen für dich.
E.S.C.A.P.E. Am 08.09., 10.09. und 12.09.25 erfährst du in meinem kostenlosen 3-teiligen Online-Workshop „E.S.C.A.P.E.“, wie du die ersten Schritte aus der Sackgasse gehst. Aufzeichnung der 3 Sessions inklusive. Melde dich gerne hier an: https://sabinevotteler.com/lp/escape
Mit meinem Career Transition Test findest du heraus, wo du in deiner persönlichen Veränderung gerade stehst – und welche nächsten Schritte Sinn machen. Du kannst ihn hier online ausfüllen und erhältst einen umfassenden Report zu deiner Situation: https://sabinevotteler.com/berufliche-neuorientierung-test-start/
Anita findest du im Netz hier:
- https://www.linkedin.com/in/anita-glombik-karriere55plus/
- https://www.anitaglombik.com/
- Und hier der Einladungslink in ihre Community 55+
Warum „Let’s talk about“?
Ich habe diese Reihe ins Leben gerufen, weil ich weiß, dass es eine ordentliche Portion Mut erfordert, aus der Angestelltenrolle in die Selbstständigkeit zu gehen. Und weil ich außerdem weiß, dass Vorbilder und Gleichgesinnte ein ganz wichtiger Schlüssel zum Erfolg sind.
Sie zeigen eben, dass es funktioniert. Dass nicht immer alles glattläuft. Dass der Erfolg nicht über Nacht kommt, dass jeder Hürden überwinden muss, dass es nicht nur Mut, sondern auch Durchhaltevermögen braucht.
Und sie erzählen, wie SIE es gemacht haben. Sie berichten über ihre ganz persönliche Geschichte, sprechen offen über ihre Ängste und auch über Misserfolge. Und natürlich über ihre eigenen Erfolgsrezepte.
WENN SIE ES GESCHAFFT HABEN, DANN SCHAFFST DU ES AUCH!
Wenn du Beratung brauchst, dann lass uns einander doch kennenlernen. 😉 Vielleicht kann ich dir helfen. Das finden wir in einem ersten unverbindlichen Gespräch heraus. Ganz einfach Termin vereinbaren.