Erfolg im Alter

Erfolg im Alter


Dieser Beitrag wurde von Kathrin Werner geschrieben und erschien auf SZ Online. https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/aeltere-gruender-selbstaendigkeit-1.5519030

Im Rentenalter noch ein Start-up gründen? Warum eigentlich nicht. Wer eine Firma startet, muss nicht zwangsläufig jung und Uni-Abbrecher sein. Was die Vorteile einer späten Gründung sind – und welche Hürden drohen.

Eine ihrer Kundinnen, eine ältere Dame, hatte sich sogar einen Kinderwagen gekauft. Nicht, weil sie ein Kind damit herumschieben wollte, ein Enkelkind vielleicht, sondern weil sie etwas brauchte, auf das sie sich stützen konnte beim Laufen – aber bloß nicht mit einem Rollator gesehen werden wollte, erzählt Elke Jensen. „Ich kenne viele Menschen, die nicht gerne rausgehen, weil sie nicht den Rollator nehmen wollen“, sagt sie. „Der Rollator lässt einen oft so traurig und versehrt aussehen.“

Elke Jensen entschied, etwas zu tun. Sie gründete ein Unternehmen, machte erste Entwürfe, trieb Entwickler und Hersteller auf für Prototypen, entwickelte eine Marke, ein Logo. Inzwischen liefert sie ihre ersten City Caddys aus, das sind bunte, schicke Wägelchen, die gleichzeitig als Einkaufstasche und als Gehhilfe dienen, quasi eine Kombination aus Hackenporsche und Rollator. Jensen will älteren Menschen damit helfen, eigenständig und mobil zu bleiben, ohne „versehrt“ auszusehen, sagt sie. „Das Sinnhafte treibt mich an.“ Sie ist selbst 72 Jahre alt.

72 Jahre alt und Start-up-Gründerin – natürlich macht sie das zu einem Ausnahmefall. Doch dass Menschen Unternehmen starten, wenn sie schon etwas mehr Lebenserfahrung zu verbuchen haben, ist keine Ausnahme. Das Durchschnittsalter der Gründerinnen und Gründer in Deutschland liegt zwar bei 36 Jahren, also jünger als der Durchschnitt der Erwerbsarbeitenden. Doch die erfolgreichsten Gründerinnen und Gründer sind laut einer Studie eines Forscherteams des Massachusetts Institute of Technology (MIT) und der Northwestern University im Schnitt 45 Jahre alt – und zwar egal, ob man Erfolg am Wachstum der Mitarbeiterzahlen, an steigenden Umsätzen, einem erfolgreichen Börsengang oder an einem Unternehmensverkauf innerhalb der ersten fünf Jahre misst. Es ist an der Zeit, sich vom Mythos der jungen, coolen Gründerinnen und Gründer zu verabschieden, die für ihre Start-up-Idee die Uni abbrechen. Zwar haben junge Menschen viele Vorteile bei der Gründung: Nähe zum Zeitgeist, bessere Technikkenntnisse, Flexibilität und so weiter. Aber ältere Menschen eben auch. „Gründen ist eher eine Frage der Persönlichkeit als des Alters“, sagt Jensen.

Gründerin Jensen versteht ihre Zielgruppe

Die Hamburgerin kommt mit der Produktion ihrer City Caddys nicht hinterher, auch weil viel Handarbeit in ihnen steckt. 70 Stück hat sie schon verkauft. Ihr Ziel ist eine Jahresproduktion von 500. Was ihr bei ihrer Gründung half: Sie versteht ihre Zielgruppe. „Ich bin ja selbst eine Alte“, sagt sie. Und dann gebe es noch diesen ihr angeborenen Drang, die eigene Chefin zu sein und die Fähigkeit, die damit verbundene Unsicherheit auszuhalten – auch die habe mit dem Alter nichts zu tun. Jensen hat viele Jahre als selbständige Produktdesignerin gearbeitet, wurde später Professorin. Als ihre Hochschule sie im Alter von 65 Jahren und drei Monaten in Pension schickte, war sie zwar etwas beleidigt, dass man sie nicht mehr haben wollte, sagt sie, aber auch froh, denn nun hatte sie wieder Zeit für die Selbständigkeit und dafür, eine Idee weiterzuentwickeln, über die sie schon länger nachdachte.

Auch Sabine Votteler hat sich selbständig gemacht, nachdem sie schon viele Jahre eine erfolgreiche Karriere hatte. Sie verdiente gut, war Topmanagerin in einem E-Commerce-Unternehmen, hatte viele Menschen unter sich, war 49 Jahre alt und angekommen. Doch sie fühlte sich festgefahren und überlastet, die Arbeit wirkte wie ein Kampf. Sie wollte ihre eigene Chefin sein und kündigte, ohne einen neuen Job zu haben. Erst arbeitete sie eine Weile als selbständige Marketingmanagerin, die Unternehmen für einzelne Projekte anheuern konnten. Doch dann merkte sie, dass sie ihre Erfahrung über ihre Selbständigkeit und die damit verbundene Selbstfindung mit anderen teilen möchte. Inzwischen berät sie Menschen, die aus einer Führungsposition herausgehen und ein eigenes Unternehmen gründen wollen. Die meisten sind älter als 45 Jahre.

Erfolg im Alter Sabine Votteler

Natürlich, das weiß Votteler, machen sich nicht alle selbständig, um sich selbst zu verwirklichen. Bei vielen von ihnen ist es auch die Not, die sie antreibt, weil sie anderswo keine Chance kriegen. Doch zu Votteler, die heute 56 Jahre alt ist, kommen fast ausschließlich Menschen, die die Wahl hätten. „Oft ist es ein Gefühl der Fremdbestimmung, auch der Sinnlosigkeit, das sie spüren“, sagt die Beraterin. „Früher wurde das als Midlife-Crisis belächelt. Aber es ist doch gut, wenn man sich noch einmal fragt, was man eigentlich will zu einem Zeitpunkt, an dem man noch etwas erreichen kann.“ In den vergangenen zwei Jahren war die Nachfrage besonders groß. „Die Leute haben mehr über ihr Leben nachgedacht. Und viele merken auch, wenn sie nach den Monaten im Home-Office ins Büro zurückkommen, dass sie sich das wirklich nicht mehr antun wollen.“

Viele ältere Gründer unterschätzen sich

Zunächst brauchen viele ihrer Klienten jemanden, der ihnen hilft, sich von ihrem alten Job zu lösen – denn der bringt oft nicht nur das Gehalt, sondern auch den Status, die eigene Identifikation: Ich bin nicht nur ich und ich habe nicht nur eine Position, ich bin die Position, der Chef oder die Chefin. Später hilft sie ihnen bei allen Schritten der Gründung, von der Entwicklung der Idee bis zum Marketing und zur Planung, wann die ersten Kunden und damit das erste frische Geld kommt. Finanzielle Ängste hätten fast alle, selbst die mit größeren Rücklagen, sagt sie. „Für viele ist es auch eine Schwierigkeit, dass sie unterschätzen, was sie können. Sie kennen sich selbst nur als Manager eines Teams und müssen erst einmal lernen, was sie alles auch allein bewältigen können.“ Nach einiger Zeit lernen sie sich selbst dann ganz neu kennen. Und finden meist neue Erfüllung.

Vottelers Klienten mit ihrem Selbstverwirklichungsdrang in der zweiten Berufslebenshälfte sind allerdings noch immer eher ungewöhnlich. Laut Forschung der staatlichen Förderbank KfW nimmt der Wunsch nach beruflicher Selbständigkeit mit steigendem Lebensalter typischerweise ab. Je länger man in seinem Berufsleben ausschließlich angestellt ist, desto stärker werde man von dieser Erwerbsform geprägt. Man hat sich daran gewöhnt, man steckt fest. Auch weil man sich finanziell stärker vom Arbeitgeber abhängig fühlt und oft eine Familie versorgen muss. Laut Global Entrepreneurship Monitor lag die Gründerquote bei den 18- bis 24-Jährigen im Jahr 2020 bei 6,8 Prozent, bei der ältesten gemessenen Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen dagegen nur bei 2,4 Prozent. Doch das dürfte sich ändern – allein schon aus demografischen Gründen: Die Menschen werden älter und sind länger fit, müssen aber trotzdem in Rente gehen.

City-Caddy-Gründerin Jensen sieht in ihrem Alter viele Vorteile. „Was mir zugutekommt, ist mein Netzwerk aus dem Leben davor“, sagt sie. Und meint: aus dem langen Leben davor. „Ich kenne so viele Leute. Und das ist wichtig für eine Gründung. Eine Gründung macht man nicht allein.“ Ehemalige Studentinnen, eine Freundin, die ihr Logo entwarf, Menschen mit Geld aus ihrem Umfeld, die nun stille Gesellschafter in ihrem Unternehmen sind. Manchmal blickt sie mit Staunen auf junge Gründer, die Internet-Start-ups gründen, die mit Millionen bewertet werden und Millionen verbrennen. Geld verbrennen – das will sie nicht. „Da bin ich konservativ.“

Banken und Investoren bevorzugen junge Gründer

Bei einer Bank hätte sie trotzdem keine Chance gehabt. „Die hätten ihre Hände über dem Kopf zusammengeschlagen“, sagt sie. Einer Gründerin in ihrem Alter gibt niemand Kredit – erst recht nicht mit einer Idee, die so viel Geld und Zeit in der Entwicklung kostet. Auch Wagniskapital-Geber bevorzugen junge Gründer. Die Finanzierung kann für Ältere also zur Hürde werden. Votteler berichtet, dass viele ihrer Klienten sich für Gründungen entscheiden, die wenig Kapital bedürfen, etwa Coach, Beraterin oder andere Dienstleister werden – anders also als Jensen mit ihren City Caddys. Doch manch eine oder einer hat auch gespart, was ja leichter ist, wenn man schon viele Jahre gearbeitet hat. „Es kostet dann manchmal allerdings Überwindung, die Rücklagen anzufassen“, sagt Votteler. „Man muss einen soliden Plan machen, möglichst schnell wieder Einkommen erzielen. Und sich klar machen, dass es sich lohnt.“

Jensen geht jeden Tag in ihr Büro. Es ist ein Gemeinschaftsbüro, das sie mit anderen Gründern und Kreativen teilt. Alle anderen sind sehr viel jünger als sie. Es tut ihr gut, das Haus zu verlassen, unter Leute zu kommen, sagt sie. Manchmal, wenn etwas nicht so läuft wie geplant, fragt sie sich schon, warum sie sich das noch antut. Aber diese Momente dauern nie lange. „Es ist meine Leidenschaft, es hält mich agil“, sagt sie. „Wenn man als alter Mensch nichts hat, das einen an die Zukunft denken lässt, altert man ganz anders.“

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