Die einen lieben es, die meisten nicht: Sprechen vor Publikum. Was mich anbelangt, so bin ich da ambivalent. Einerseits finde ich es toll, im Mittelpunkt zu stehen und kund zu tun, was mir wichtig ist. Andererseits jedoch flößt mir ein großes oder sehr qualifiziertes Publikum auch einen gewissen Respekt ein. Ich habe jedoch festgestellt, dass auch dieses Thema – mal wieder – vor allem mit deiner Einstellung zu tun hat.

Und es ist wie mit allem, was neu ist: Eine Rede halten wird mit der Zeit immer einfacher. Ich verweise hier gerne auf den Muskelkater, den ich regelmäßig und immer wieder habe, wenn ich mein Fitnesstraining wirklich durchziehe. Beim Sport gehe ich gerne an meine Grenzen – und so betrachte ich auch eine Rede als sportliche Herausforderung, der ich mich gerne stelle. Die ganzen Hirngespinste mal beiseite gelassen und nur die nackten Tatsachen betrachtet, ist es keine Raketenwissenschaft. Und vor allem etwas, was du lernen kannst.

Was ich zur Vorbereitung mache, will ich heute mal beschreiben und ich freue mich, wenn dir der ein oder andere Tipp hilft. Geht natürlich nur, wenn du die Gelegenheiten zum Reden auch annimmst und dich nicht davor drückst. 😉

Für mich gibt es im Wesentlichen zwei Teile:

  1. Den Inhalt und die Struktur der Rede vorbereiten
  2. Den Auftritt vorbereiten

Rahmenbedingungen

Ganz allgemein ist es wichtig, vor dem Erstellen deiner Rede die Rahmenbedingungen zu kennen. Die Zeit, die du zur Verfügung hast, das dürfte ein „No-Brainer“ sein. Aber du solltest darüber hinaus auch wissen, wer das Publikum ist. Du solltest wissen, in welcher Situation sich die Zuhörer befinden, woran sie Interesse haben und welche Erwartungen sie mitbringen, damit du sie dort abholen kannst, wo sie stehen.

Logischerweise macht es einen Unterschied, ob du eine Ansprache bei einer Hochzeit oder einen Fachvortrag hältst. Ich möchte im Folgenden auf eine Rede, z.B. eine Keynote-Präsentation, eingehen. Das ist in der Regel eine Mischung aus Inspiration und Fachthema.

  1. Kenne dein Publikum

Finde heraus, wie viel dein Publikum schon weiß und welche Fragen es hat. Wenn du es mit unterschiedlichen Wissensniveaus zu tun hast, dann fange ruhig mit den Basics an. Die Fortgeschrittenen verstehen, dass du erst einheitliche Grundlagen schaffen musst.

  1. Jeden erreichen: Wahrnehmung

Wir Menschen bevorzugen unterschiedliche Wahrnehmungsarten. Während die einen stark auf das Gehör fokussiert sind, sind andere eher visuell oder gefühlsbetont. Das solltest du in deiner Rede berücksichtigen.

Für die auditiven Typen solltest du auf deine Stimme achten und vielleicht kannst du mit Musik arbeiten. Die visuellen brauchen „was fürs Auge“. Das muss nicht immer die Präsentation sein. Vielleicht Fotos, ein Film, die Bühnengestaltung und deine Person. Die Kinästheten unter uns merken sich Inhalte am besten, die Gefühle hervorrufen oder sie an solche erinnern.

  1. Die dominierende Gehirnhälfte

Kennst du den Unterschied zwischen den sog. Leftbrainern und Rightbrainern? Diese Theorie besagt, dass die beiden Hirnhälften unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Wenn du eher logisch-analytisch bist, dominiert die linke Gehirnhälfte, wohingegen kreativ-visuelle Menschen als Rightbrainer bezeichnet werden. Leftbrainer wollen es sachlich, sie brauchen Daten und Fakten, um dir zu folgen. Rightbrainer hingegen wollen Bilder, Geschichten und Gefühle.

Achte ganz generell darauf, niemanden im Publikum auszuschließen, selbst wenn sie sich in der Minderheit befinden. Ich denke da z.B. an Geschlechter oder Nationalitäten. Sorge dafür, dass alle sich wertgeschätzt und wichtig fühlen.

  1. Was willst du erreichen?

Welches Ziel verfolgst du mit deiner Rede? Was willst du erreichen? Willst du z.B. unterhalten, informieren, motivieren und inspirieren oder willst du verkaufen? Was soll das Publikum über dich erfahren und wie soll es sich fühlen? Was willst du, dass es im Anschluss tut? Wie kannst du für dich das meiste aus dem Auftritt herausholen?

Die Kunst ist jetzt, in deinem Inhalt sowohl deine wie auch die Zielsetzung der Zuhörer zusammenzubringen. In der Regel wirst du einen Vortrag aufgrund deiner fachlichen Expertise halten. Das heißt, du trittst auf, WEIL du etwas zu sagen hast, was das Publikum interessiert, so dass es hier eher selten einen Konflikt geben wird.

  1. Deine Botschaft

Was ist deine Kernbotschaft? Was sollen die Zuhörer sich merken, was sollen sie mitnehmen?

  1. Nutze Storytelling

Menschen lieben Geschichten. Und sie suchen Gemeinsamkeiten. Geschichten bleiben außerdem in Erinnerung. Deshalb ist es fast immer eine gute Idee, eine eigene Story einfließen zu lassen. Aber achte darauf, dass du keine traurigen Geschichten erzählst.

Inhalt und Struktur deiner Rede

  1. Ein positiver ungewöhnlicher Start

Die meisten Redner kommen immer noch auf die Bühne und stellen sich und ihr Thema vor. Mach’ es anders: Fange mit einer Geschichte an. Oder stelle dem Publikum eine Frage.

Ich schreibe häufig über Probleme und wie man sie lösen kann. Zum Beginnen einer Rede rate ich dir allerdings von Problemen ab. Starte positiv mit einem Wunsch deiner Zuhörer. Gib ihnen deine Vision: „Was wäre wenn…“ Damit hast du gleichzeitig deine Botschaft platziert.

  1. Verbinde dich

Zeige, dass du die Situation der Menschen im Publikum verstehst und dass du weißt, mit wem du es zu tun hast. Spreche z.B. die verschiedenen Gruppen im Publikum an, in dem du etwa sagst: „Es spielt keine Rolle ob du X bist, Y oder Z. In jedem Fall…“

  1. Wer bist du?

Jetzt ist es an der Zeit, dass du dich kurz vorstellst. Kurz bedeutet, nicht deinen ganzen Lebenslauf. Das interessiert an dieser Stelle nicht. Wichtig ist, dass klar wird, dass du weißt, wovon du sprichst und dass du deinen Zuhörern einen guten Grund gibst, dir zu folgen.

  1. Zurück zum Publikum

Beschreibe, wo die Zuhörer stehen und wo sie hinwollen. Das hast du zum Teil schon bei 2. gemacht. Werde nun konkreter und verknüpfe das mit deinem Thema, deinem Angebot bzw. deiner Lösung in deinem Vortrag. Die Zuhörer sollen sich mit diesem Thema bzw. Problem identifizieren können.

  1. Jetzt kommt die Lösung

Ganz automatisch wird jetzt klar, dass die Lösung du bist! Lasse die Zuhörer wissen, dass alles nicht so wild ist, dass es Hoffnung gibt. Und die bringst du. Alles, was schwierig ist, alles was fehlt, kannst du liefern.

  1. Call to Action

Zum Abschluss empfehle ich dir, einen Handlungsaufruf zu machen. Das muss keine Bestellung und kein Kauf sein. Einzig ein Aufruf, in irgendeiner Weise aktiv zu werden, z.B. dich in der Pause anzusprechen, dir die E-Mail-Adresse da zu lassen, damit du noch etwas zusenden kannst, o.ä.

Auftritt vorbereiten

  1. Wenn die Rede steht, übe

Ich war früher immer der Meinung, ein Redner wäre damit gesegnet, dass er so einen Vortrag aus dem Handgelenk schüttelt. Weit gefehlt. Die üben alle! Und das ist sehr wichtig. Je häufiger, desto besser.

  1. Kenne deinen Inhalt

Am besten, du kennst deinen Inhalt aus dem FF, so dass du dich auf das Publikum konzentrieren kannst. Dann kannst du nämlich auch auf die Zuhörer eingehen und das macht dann so richtig Spaß.

  1. Ich lerne den ersten und den letzten Satz immer auswendig

Zur Sicherheit. Und logisch: Wenn du oft übst, dann bleiben dir deine Sätze natürlich ebenfalls im Gedächtnis und du nimmst irgendwann immer die gleichen. Die, die dir am besten gefallen. Deshalb musst du aufpassen, dass sich dein Vortrag am Ende nicht auswendig gelernt anhört.

  1. Sei unabhängig von der Technik

Verlasse dich nicht auf eine Präsentation. Sei immer darauf vorbereitet, dass du auch ohne klar kommst, damit du nicht ins Wanken kommst, falls die Technik mal versagt.

Kurz bevor du die Bühne betrittst

  1. Visualisiere dein Ergebnis

Stelle dir vor, was am Ende deiner Rede passiert. Wie das Publikum Standing Ovations gibt. Wie die Zuhörer Schlange stehen, weil sie sich mit dir unterhalten wollen.

  1. Finde ein Ritual

Die meisten Redner haben eines. Kürzlich hat mir jemand erzählt, er binde sich immer seine Schnürsenkel neu, bevor er auf die Bühne gehe.

Erhöhe dein Energielevel, indem du z.B. ein paar Mal auf der Stelle hüpfst oder mit der Faust in deine Hand schlägst oder ein Lied hörst, das dich in einen Superzustand bringt.

  1. Stelle dich selbst nicht über das Publikum

Sei einer von ihnen. Und passe dich ihrem Energielevel an. Wenn dieses zu Beginn niedrig ist und du springst wie ein Gummiball auf der Bühne auf und ab, verlierst du sie. Fange vorsichtig an und steigere langsam.

Wie du deine Nervosität im Zaum hältst

Es gibt kaum jemanden, der nicht nervös ist, wenn er die Bühne betritt. Mir hilft am besten, wenn ich meine Perspektive verändere:

  1. Für mich gibt es kein Publikum

Das sind alles einzelne, individuelle Menschen. Ich stelle mir vor, dass es Freunde sind. Ja, ich liebe sie. Ich freue mich, sie zu sehen und das sollen sie auch spüren. Ein bisschen so, wie wenn ein Rockstar die Bühne betritt und sich auf seine Fans freut.

  1. Es geht überhaupt nicht um mich

Ich lenke meine Gedanken weg von mir und hin zu meinen Zuhörern

Ich versuche, komplett selbstlos zu sein. Es geht nur um sie und darum, welchen Wert ich ihnen geben kann. Mein Job ist zu dienen, zu unterstützen, zu bewegen, zu helfen, zu inspirieren. Ich denke nicht darüber nach, wie ich wirke oder ob ich alles perfekt machen werde.

  1. Ich führe eine Konversation

Ich unterhalte mich mit den Leuten. Aufgrund der Rahmenbedingungen ist es nicht immer möglich, das Publikum zu Wort zu kommen lassen, und dennoch: Es soll kein Monolog sein. Achte auf die Reaktionen deiner Zuhörer. Schaue einzelne Menschen an und kommuniziere mit Blicken und Gesten.

Und wenn du dann endlich da stehst…

  1. Erst einmal: Atme tief durch

Und sei still. Gekonnt eingesetzte Pausen haben oft mehr Wirkung als Worte.

  1. Bleib nicht stehen wie angewurzelt

Nutze den Platz, nimm die Bühne ein. Du darfst dich bewegen und diese Bewegung zur Verstärkung deiner Worte nutzen.

Gleiches gilt natürlich für Mimik und Gestik.

  1. Verstelle dich nicht

Sei einfach du selbst, authentisch und natürlich.

Zum Abschluss noch ein paar technische Tipps

  1. Halte abwechselnd Augenkontakt

zu verschiedenen Menschen in verschiedenen Blöcken im Publikum. Bei einem sehr großen Publikum, schaue jemanden in der 50. Reihe an und die Personen davor werden sich ebenfalls angesprochen fühlen.

  1. Deine Stimme ist ein hervorragendes Stilmittel

Lautstärke: Passe die Lautstärke dem Inhalt an. Ganz wichtige Dinge kann man übrigens auch mal ganz leise sagen.

Stimmvarianz: Nutze höhere und tiefere Töne, damit deine Stimme nicht monoton wirkt. Alles was sich nicht verändert, filtert das Gehirn aus.

Ändere stetig deine Sprechgeschwindigkeit: Alles was wichtig ist, sage mit langsamer und tiefer Stimme, was dringend ist, spreche schneller.

Über das Thema „Reden“ wurden schon viele Bücher geschrieben. Emotional, etwas Neues und etwas, was in Erinnerung bleibt, das sind die 3 Geheimnisse, die gute Reden ausmachen. Das schreibt Carmine Gallo in seinem Buch „Talk like Ted“, das ich an dieser Stelle noch besonders empfehlen möchte.

Ich freue mich, wenn du in den Kommentaren schreibst, wie du dich vorbereitest.

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