Kennst du das? Vorwurfsvolle Blicke von den Kollegen, wenn du um 16 oder 17 Uhr das Büro verlässt? Gibt es das wirklich noch? Im Zeitalter der Millennials, des Homeoffice‘ und der Lebensarbeitszeit?

Oh ja! Ich kann mich auch noch gut daran erinnern, dass ich jedes Mal ein schlechtes Gewissen hatte, wenn ich mich „davonschlich“. Kam auch fast gar nie vor. Denn dann fühlte ich mich ein bisschen wie ein „Kameradenschwein“. Ich ließ meine Mitarbeiter mit all der Arbeit zurück.

Außerdem hatte ich ja immer viel zu viel zu tun. Früher gehen war undenkbar für mich. Ich wollte Fortschritte machen, auf der Karriereleiter vorankommen. Und dazu gehörte eben auch viel Arbeit. Na und?

Kann man das Hamsterrad langsamer drehen?

Gerade der frühe Morgen und der Abend waren meine richtig produktiven Zeiten.

Denn zwischen 8 und 18 Uhr jagte ein Meeting das andere. Manchmal hatte ich sogar Doppelbuchungen im Kalender. Ich konnte froh sein, wenn ich zwischendurch mal ein Telefonat erledigen oder in ein Brötchen beißen konnte.

Wen wundert es, dass es in dieser Hetze nicht möglich war, einen klaren Gedanken zu fassen, der länger als 10 Minuten Zeit benötigte?

Was war die Lösung? Die produktive Arbeit in die Freizeit zu verlegen. Vor 8, nach 18 Uhr und aufs Wochenende.

Das entschleunigte mein Hamsterrad und entlastete meinen Geist enorm. Gab ihm Luft und lockerte das Zeitkorsett, in dem ich steckte. Kurzfristig eine große Erleichterung. Langfristig ein sicherer Weg zum Burnout. Denn die Erholungszeiten wurden immer kürzer.

Ständig im Hamsterrad – irgendwann siehst du nur noch die Speichen

Bei mir hielt dieser Zustand über Jahre. Mir machte die Arbeit Spaß. Doch der größte Spaß hat irgendwann mal ein Ende, wenn er zu einseitig wird. Wenn ich jeden Tag 10 Stunden Snowboarden müsste (meine Leidenschaft! ;-)), dann würde mir das irgendwann auch auf den Keks gehen. Das wäre doch ein sehr eingeschränktes und eintöniges Leben.

Und irgendwann wunderst du dich, dass dir alles immer schwerer fällt. Auf einmal. War doch sonst nicht so. Dass die Inspiration fehlt. Dass du morgens so schwer aus dem Bett kommst. Dass deine Mitarbeiter dich nerven.

Du hörst deine eigene Stimme nicht mehr

Weißt du, was passiert ist? Du hast dich selbst verloren. So war das auch bei mir. Ich war so sehr in der materiellen Welt verhaftet, in der Pflichterfüllung, in dem, was um mich herum war und habe mich total auf die Anforderungen von außen fokussiert, um Unternehmensziele zu erreichen, die ich zu meinen machte und mir damit selbst den Druck auferlegte, alles zu schaffen. Ach was, am besten zu übertreffen!

Ich war nur noch am Machen und am Tun. Tun, was andere für richtig hielten. Das war meine Messlatte. Nach innen und auf mich selbst habe ich nicht mehr gehört. Ich hatte es tatsächlich verlernt.

Wenn du on Top in einer politischen Umgebung arbeitest, verstärkt dies das Problem. Du musst zusätzlich zu den fachlichen Inhalten auch noch ständig über deine Kommunikation und dein Verhalten nachdenken. Auf der Hut sein, nicht das Falsche oder zu viel zu sagen, nicht den falschen Zeitpunkt zu wählen oder den falschen Gesprächspartner. Du kannst nicht mehr authentisch Du sein und das strengt an.

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Im Hamsterrad geht die Verbindung zu dir selbst verloren

Ja kein Wunder, wenn du dich auf diese Weise selbst verlierst. Deine Gefühle einfach ignorierst, bis du dich nicht mehr fühlst. Nicht nur, dass du damit deine Intuition verlierst, sondern du verlierst auch deine eigenen Wünsche und Ziele. Irgendwann kennst du die gar nicht mehr.

Verstärkt werden Stress ohne Ausgleich in der Freizeit, der hohe Anspruch an sich selbst, der mit der Neigung zu Perfektionismus einhergeht, dann weiter, wenn sich ein Gefühl der Ohnmacht einstellt, das Gefühl, keine Kontrolle über dein Leben zu haben. Oder überhaupt nicht mehr voranzukommen.

Die Gratwanderung zwischen Stress und Burnout

Ich weiß nicht, wie das bei dir ist, aber ich wurde zum Durchhalten erzogen. Jammern war nie eine Option. Und ich glaube, es geht vielen erfolgreichen Menschen so. Du machst immer weiter und wenn du verlernt hast, auf dich zu hören, dann hörst du die Warnsignale nicht.

Ein bisschen Stress ist kein Problem. Und viel Stress auszuhalten, macht dich wahrscheinlich sogar stolz auf deine Leistungsfähigkeit.

Deshalb sind viele Burnouts für die Betroffenen eine große Überraschung. Und es ist schlichtweg nicht zu begreifen, wie es sein kann, dass plötzlich so gar nichts mehr geht.

Die Karrierebibel hat eine ganze Liste von psychischen, körperlichen und sozialen Anzeichen zusammengestellt.

Wenn mehr als die Hälfte dieser Aussagen auf dich zutreffen, dann sprich bitte mit jemandem über deine Situation, der dir helfen kann. Zunächst einmal, dir einzugestehen, dass du auf dem Weg ins Burnout bist.

Mein größtes Problem: Zulassen, dass es so ist

Ich kann nicht mehr sagen, wie viele Monate oder Jahre und wie viele Male mein Partner mir gesagt hat: Wenn du so weitermachst, bekommst du ein Burnout. Und wie oft ich gedacht habe: Ja, ja, ich werde schon auch mal wieder mehr Freizeit haben. Außerdem bin ich kein Mimöschen.

Bescheuert! Ich konnte und wollte nicht eingestehen, dass es zumindest wert wäre, aus dem Hamsterrad mal kurz auszusteigen und ernsthaft drüber nachzudenken. Es war wie eine Sucht. Ich konnte nicht aufhören.

Heute weiß ich, dass die Grundlage Achtsamkeit ist. Das Problem dabei: Achtsamkeit braucht Zeit. Die ich in meinem Hamsterrad nicht hatte. Nicht einmal 5 Minuten hatte ich Zeit, um z.B. zu meditieren. Hätte ich sie mir genommen, dann hätte mein Kopf sich trotzdem weitergedreht und damit hätte ich die Übung ad absurdum geführt.

Eine kurze oder längere Auszeit zum Runterkommen und Abschalten tut gut, aber löst das Problem nicht. Du kannst nicht weiter machen wie bisher. Es steht eine Veränderung deiner Gewohnheiten an. Auch wenn du das nicht magst, auch wenn du eigentlich gar keine Kraft hast, das jetzt auch noch zu schaffen und es dir leichter erscheint, einfach weiter zu machen.

Vertraue dich deinem Umfeld oder direkt einem Spezialisten an, damit du eine Veränderung bewirken kannst. Und es ist wie mit allem, was neu ist: Am Anfang geht es nicht so leicht.

Meditieren? ICH? Um Gottes Willen, das kann ich nicht. Das war meine erste Reaktion. Warum eigentlich nicht? Entscheide einfach, DASS du es kannst. Und es hilft tatsächlich.

Welche Erfahrung hast du mit der Balance zwischen Tun und Lassen? Was machst du, um bei dir selbst zu sein? Kannst du die Antworten auf deine Fragen in dir finden oder hörst du gar nichts, wenn du in dich hinein hörst? Berichte in den Kommentaren von deinen Erfahrungen.

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Photo by Martinirc on unsplash