Eine Kundin, Bereichsleiterin in einem mittelständischen Industrieunternehmen, über zwanzig Jahre Erfahrung, ein tolles Team, Budgetverantwortung, ein Titel, für den sie lange gekämpft hat und den andere gerne hätten – so die Situation. Und trotzdem beschäftigt sie sich seit über einem Jahr immer wieder mit dem Gedanken, ob das noch das Richtige für sie ist. Beruflicher Stillstand ist von außen meistens nicht zu erkennen. Sieht eher aus wie eine Karriere, die eigentlich passt. Aber man selbst spürt deutlich, dass es das eben nicht mehr tut.
Höre hier den Podcast:
Die Kundin sagt: „Ich weiß eigentlich, dass sich was ändern muss, ich spüre es. Ich weiß nur nicht, was, wie und in welche Richtung. Ich fühle mich wirklich festgefahren.“
Und weil sie diese Frage nicht beantworten kann, passiert am Ende nichts.
Keine berufliche Veränderung, aber auch keine Ruhe. Das Gefühl, dass es so nicht weitergehen kann, verschwindet nicht einfach. Es wird eher größer.
Ich kenne dieses Gefühl auch aus eigener Erfahrung, aus der Zeit, bevor ich mit 49 aus meiner Führungsrolle ausgestiegen bin.
Das Problem ist, dass das, was du denkst alles zu unkonkret ist. Ich habe immer an dem Punkt abgebrochen, wo es drum gegangen wäre, was jetzt konkret zu tun ist.
Nenne es Komfortzone – ja, vielleicht war es das. Bequemlichkeit? Angst?
Ich habe auf den Geistesblitz gewartet – aber der kommt natürlich nicht. Und vorher konnte ich nichts machen, weil ich ja nicht wusste, was! Ein Teufelskreis.
Die meisten in dieser Lage wollen zuerst wissen, was sie eigentlich tun sollen, und erst dann losgehen. Das haben wir so gelernt, erst der Plan, dann die Umsetzung.
Doch bei einer echten, grundlegenden beruflichen Neuorientierung – in der Fachsprache Transition – funktioniert das andersherum.
Du kannst nur durch Nachdenken nicht die von dir gewünschte Klarheit bekommen.
Du musst etwas tun, auch wenn du nicht weißt, ob das Sinn macht.
Was dann passiert: Indem du neue Dinge tust, dich in neue Umfelder begibst, dich mit neuen Themen beschäftigst, erfährst du neue Dinge, triffst neue Menschen, erlebst dich selbst in neuen Zusammenhängen. Und daraus entsteht die Klarheit, nach der du eigentlich suchst.
Folge 232 als Video anschauen:

Warum beruflicher Stillstand nicht durch mehr Nachdenken verschwindet
„Aber ich muss doch erst wissen, wohin, bevor ich überhaupt losgehe.“ Das klingt vernünftig und überlegt. Stillstand bis du weißt, wo’s langgeht ist demensprechend logisch und in Ordnung.
Aber dein Gefühl sagt was anderes…
Stell dir einen Sumpf vor. Wer darin stehen bleibt und in Ruhe überlegt, wie er am besten wieder herauskommt, sinkt in der Zwischenzeit, während er überlegt, bereits tiefer. Beruflicher Stillstand funktioniert ähnlich.
Das Abwägen selbst fühlt sich nach der vernünftigen, verantwortungsvollen Reaktion an. Nur bringt dich das der Lösung keinen Schritt näher.
Das haben wir beruflich so beigebracht bekommen, gerade wenn wir es bis in eine Führungsposition geschafft haben. Erst braucht es eine sorgfältige Analyse, dann die Entscheidung, dann einen Plan und schließlich die Umsetzung, in dieser Reihenfolge. Bei einer Umstrukturierung im Unternehmen funktioniert das. Bei der Frage, wer du beruflich als Nächstes sein willst, funktioniert es nicht, weil du die Antwort nicht denken kannst. Sie existiert noch gar nicht. Sie entsteht erst.
Ein Einwand kommt meistens schnell: „Und wenn ich ohne viel Überlegen das Falsche mache, hab‘ ich dann nicht wertvolle Zeit verschwendet?“ Nein, genau das Gegenteil passiert. Du gewinnst am Ende Zeit.
An der Stelle muss etwas klarstellen, falls du denkst, es gehe beim Machen und Ausprobieren um große Dinge, die direkt zu der richtigen Entscheidung führen.
Es geht um kleine, schnelle Tests. Du sollst nicht „am offenen Herzen operieren“. Was kann das sein? Eine kostenlose Unterstützung in einem privaten Projekt, ein Wochenendeinsatz, ein Praktikum, aber auch Gespräche mit Menschen, die einen Kontext, für den du dich interessierst aus täglicher Erfahrung kennen.
Solche kleinen Tests sollten nebenbei passieren können. Sie sollen wenig Zeit beanspruchen und sind dazu gedacht, dass du Schritt für Schritt neue Dinge erfährst, über das, was dich interessiert und auch darüber, wie du dich dabei fühlst. Jeder Minitest liefert ein kleines Puzzlestück an Erkenntnis, aus denen sich in Summe mit der Zeit eine Richtung herausbildet-
Dadurch lernst du vor allem DICH kennen und das ist keine verlorene Zeit. Es ist die schnellste Art herauszufinden, wonach du wirklich suchst, wer du bist und was du willst – viel schneller als noch ein weiteres halbes Jahr Kopfkino.
Zwei Arten von Klarheit, wenn du im beruflichen Stillstand steckst
Klingt das nach einem Widerspruch zu einer Aussage, die du von mir vielleicht auch schon gehört hast? Ich habe selbst schon oft erklärt: Erst Klarheit, dann Handeln, raus aus dem Aktionismus, rein in die Reflexion.
Und jetzt soll doch Handeln der Schlüssel sein?
Beides stimmt, nur auf zwei verschiedenen Ebenen. Die erste Ebene ist die Klarheit über dich selbst. Wo stehe ich gerade, was ist mir wichtig, was will ich, was hat sich da verschoben? Die muss zuerst da sein, sonst ist jeder Schritt danach nur ein Ausweichen vor diesen tieferen Fragen, die oft schwer zu beantworten sind. Bewerbungen verschicken ist dann eher Beschäftigungstherapie, damit sich wenigstens irgendwas bewegt.
Die zweite Ebene ist die Klarheit über deine Emotionen, wenn du dich tatsächlich ein Stück in ein neues Umfeld hineinbewegst. Aber: Diese Klarheit bekommst du nicht nur Nachdenken, nicht am Schreibtisch, sondern durch Erleben.
Stell dir jemanden vor, der schon lange von einem eigenen Café träumt. Kaffeeduft den ganzen Tag, leckere Kuchen, chillige Musik, schöne Atmosphäre, dementsprechend wundervolle Gäste – einfach toll, oder?
Und jetzt stell dir diese Person hinterm Tresen vor, mit einer Schlange ungeduldiger Gäste, einer kaputten Kaffeemaschine und schmerzenden Füßen vom langen Stehen.
Das sind zwei verschiedene „Datenquellen“. Einmal die Vorstellung und einmal die Realität. Nur die letztere davon ist verlässlich – das nämlich, was du getestet hast. Berufliche Neuorientierung mit Design Thinking erkläre ich in einem anderen Beitrag.
Es geht also nicht darum, dass du gar nicht denkst, bevor du handelst. Es geht darum, dass du nicht zu Ende denkst, bevor du überhaupt handelst.
Was das für die Jobsuche konkret bedeutet
Wie konkret das aussehen kann, zeigt ein Interview, das ich am 03.09.26 dem Tagesspiegel gegeben habe, über die Jobsuche jenseits der 50.
Du kannst nicht in jeder Branche erst ein Praktikum machen. Aber du kannst Gespräche führen. „Gespräche, Gespräche, Gespräche,“ sagte ich im Interview mit dem Tagesspiegel zur Jobsuche mit 50 plus, denn genau das ist der Punkt, an dem man nicht nur lernt, was wichtig ist, sondern sich zusätzlich einen Vorsprung vor anderen Jobsuchenden verschafft. Weil du dich bei einem Entscheider ins Gespräch bringst, bevor eine Stelle überhaupt öffentlich ausgeschrieben wird.
Der erste Schritt aus dem beruflichen Stillstand
Der erste Schritt muss also nicht groß sein. Ein Gespräch mit jemandem, der bereits macht, wovon du nur redest. Ein Headhunter, den du seit Jahren nicht mehr angerufen hast. Ein kleines, zeitlich begrenztes Projekt neben deinem jetzigen Job. Eine Frage, die du bisher noch keinem gestellt hast, weil du Angst vor der Antwort hattest. Wichtig ist nur, dass es ein echter Schritt nach draußen ist, keiner, der nur in deinem Kopf stattfindet.
Wenn du spürst, dass du genau an diesem Punkt feststeckst, zwischen dem Wunsch nach Veränderung und der Frage, wo du überhaupt anfangen sollst, dann lohnt sich ein Gespräch darüber, wie dein erster Schritt aussehen könnte. Vereinbare dafür gerne ein kostenloses Strategiegespräch mit mir.
Häufige Fragen zum beruflichen Stillstand
Was tun bei beruflichem Stillstand?
Um aus dem Stillstand herauszukommen, musst du die Richtung, in die du gehen willst, noch nicht kennen. Der erste Schritt ist, dich überhaupt in Bewegung zu setzen, mit echten Gesprächen oder kleinen Testsituationen, zunächst egal mit wem, damit sich zeigt, welche Richtung überhaupt zu dir passt.
Woran erkenne ich, dass ich beruflich feststecke?
Meistens nicht an einem riesen Drama, sondern eher am Gegenteil. Der Job läuft, nichts brennt, und trotzdem fühlst du dich seit Monaten eingeschränkt, unzufrieden und in einer Sackgasse. Egal was du auch versuchst, deine Gedanken drehen sich im Kreis.
Muss ich erst wissen, was ich will, bevor ich etwas verändere?
Du brauchst zuerst Klarheit darüber, wer du bist und was dir wichtig ist. Ob eine konkrete Option zu dir passt, findest du aber nicht am Schreibtisch und durch Nachdenken heraus, sondern erst, wenn du sie testest und in gewisser Weise erlebst. Das geht schon anhand von Gesprächen mit Menschen, die diesen Bereich aus eigener Erfahrung kennen.
Muss ich kündigen, um aus dem beruflichen Stillstand herauszukommen?
Nein. Es ist durchaus auch möglich, dass du innerhalb deines Unternehmens eine Alternative findest. Als erstes solltest du herausfinden, was dich stört, was du anders willst, was du kannst. Danach führe Gespräche, innerhalb wie außerhalb deiner Firma. Übernimm vielleicht ein kleines Projekt nebenberuflich oder im privaten Umfeld. Wichtig ist, dass du dadurch ausprobierst, wie sich bisher unbekannte Möglichkeiten für dich anfühlen. Die Entscheidung, ob Kündigung oder nicht, kommt später, wenn du tatsächliche Erkenntnisse (und nicht nur Gedanken) über deine Optionen gesammelt hast und sich ein möglicher Weg abzeichnet.


