„Das kannst du doch nicht machen“, „das geht nicht“, „viel zu riskant“, … bekommt man um die 50 von allen Seiten zu hören, sobald man mal laut darüber nachdenkt, den bisherigen beruflichen Weg zu verlassen. Mut zur beruflichen Veränderung zu haben ist eh schon schwer, und andere machen es einem oft nicht leichter. Mein Interviewgast Dorothee Töreki sieht das ganz anders. Sie ist als Bauingenieurin in die IT gewechselt, hat bei einem Automotive-Zulieferer als Direktorin Digitalisierung selbst gekündigt und sich schließlich mit über 50 selbstständig gemacht. Und immer wieder gab es Menschen, die ihr sagten, das könne sie nicht. Wie sie damit umgegangen ist und was ihr dabei Halt gegeben hat, darüber spreche ich mit ihr in der neuen Podcast-Episode.
Höre hier den Podcast dazu:
Dorothee Töreki nennt sich selbst Zukunftsarchitektin und Storytellerin. Sie erzählt Geschichten über Technik und die Welt von heute, gibt Keynotes und Workshops zu Führung und KI und begleitet Führungskräfte auch einzeln. Sie nennt sich selbst einen bunten Paradiesvogel und sagt:
„Mich dürfte es eigentlich gar nicht geben, wenn man dem glaubt, was da draußen angeblich geht und was nicht.“
Wie geht das: Trotzdem machen? Ihre Antwort ist erstaunlich schlicht. Wenn andere ihr sagten, etwas ginge nicht, sagte sie sich, das seien ja die anderen, die das meinten. Sie selbst habe fest daran geglaubt, dass es klappt. Klingt wie ein Motivationsspruch – das meint Dorothee selbst, aber dann erzählt sie, wie sie das tatsächlich schaffte. Ich finde, dahinter steckt deutlich mehr Handfestes.
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Mut zur beruflichen Veränderung heißt, Abzweigungen zu nehmen, die keiner für dich vorgesehen hat
Dorothee hat Bauingenieurwesen studiert, und damals saßen unter rund 500 Erstsemestern gerade einmal fünf Frauen. Sie war also schon früh die Ausnahme. Als sie ihren späteren Mann kennenlernte und zu ihm nach Baden-Württemberg zog, hätte sie dort als Bauingenieurin keine vergleichbare Position gefunden. Sie schaute sich an, was sie kann, nämlich technisch denken und strukturiert arbeiten, und was die Welt gerade braucht, und fand die Überschneidung in der IT. Menschen mit diesem Profil waren damals gefragt, also machte sie den Quereinstieg, obwohl man ihr sagte, das könne sie doch nicht.
Ein paar Jahre später landete sie bei IBM, was sie sich, wie sie sagt, niemals hätte träumen lassen. Möglich war das nur, weil sie den vorgegebenen Weg verlassen hatte. Genau darin liegt für mich ein ganz wichtiger Gedanke, den ich immer wieder versuche, meinen Kunden zu vermitteln. Der Weg hat mehr Abzweigungen, als du von deinem jetzigen Standort aus siehst, und die spannendsten liegen dort, wo niemand dich hinstecken würde, du selbst eingeschlossen.
Dorothee arbeitete elf Jahre bei IBM, am Anfang im technischen Vertrieb. Ein Kollege sagte ihr dort, dass sie unheimlich gut Geschichten erzählen kann und den Wert einer Software dadurch ganz anders vermittelt als alle anderen. Dorothee ist introvertiert und schüchtern, und die Vorstellung, vor mehr als fünf Menschen auf einer Bühne zu stehen, war für sie ein Albtraum. Der Kollege sagte ihr, er unterstütze sie und melde sie für das nächste Partnerevent an, eine Veranstaltung mit mehreren hundert Menschen. So nahm die Sache ihren Lauf, und Dorothee trat bei IBM auf Bühnen auf, die sie sich nie hätte träumen lassen. Dass sie das gut kann, musste ein anderer ihr sagen. Sie selbst hätte sich nie auf eine Bühne gestellt. Und sie konnte es tatsächlich. Wie so oft halten wir das, was uns leichtfällt, selbst für nichts Besonderes.
Zuletzt war Dorothee Direktorin Digitalisierung bei einem Automotive-Zulieferer mit mehreren tausend Mitarbeitern weltweit. Sie kündigte selbst, weil sie feststellte, dass die Arbeitsumgebung für sie einfach nicht passte. Zu diesem Zeitpunkt wusste sie nicht, wie es weitergehen würde, und ihr gesamtes Umfeld hielt sie für verrückt. Auch ich bin mit 49 aus der Anstellung gegangen, und wie sich dieser Weg angefühlt hat, habe ich in Karriereausstieg mit 50: Mein Weg aus dem Konzern in die Selbstständigkeit aufgeschrieben.
Das Spannende ist, wie Dorothee mit dieser Phase umgegangen ist. Die Position hatte ihr nicht entsprochen – im Grunde ist das negativ. Sie denkt anders: Der Job brachte sie an den Punkt, sich zu fragen, warum das nicht zu ihr passt und was stattdessen zu ihr passen würde.
Ihr Schluss war, dass es im Angestelltenverhältnis keinen Job gibt, in dem sie umsetzen kann, was sie gelernt hat und weitergeben möchte. Also hat sie sich den Job selbst gebaut. Im Juli 2019 machte sie sich selbstständig, nach eigener Aussage nicht aus Not, sondern aus einer Position der Fülle heraus, mit einem ganz klaren Bewusstsein dafür, was sie kann und was andere konkret davon haben.
Wenn der Kalender auf einmal leer ist – 4 wichtige Anker
Anfang 2020 kam Covid, und Dorothee hatte keinen einzigen Termin mehr im Kalender. Kaum in die Selbstständigkeit gestartet kam schon die erste mega Herausforderung. Übrigens: Auch ohne Covid kommt die garantiert – in jeder Selbstständigkeit. Viele hadern dann oder geben auf. Ich wollte wissen, wie Dorothee damit umgegangen ist, und sie nennt vier Dinge.
1. Rücklagen
Trotz toller Titel und obwohl sie gut verdient hat, haben ihr Mann und sie das Geld nie bis zum Anschlag ausgegeben, kein noch größeres Haus, kein noch tolleres Auto. Sie lebten mit dem Bewusstsein, dass jederzeit etwas passieren kann, das so nicht geplant war, und mit dem Bedürfnis nach persönlicher Freiheit, die Spielräume braucht. Wenn du jetzt einwendest, Rücklagen seien ein Privileg, hast du damit nicht unrecht. Dorothee nennt aber noch drei weitere Dinge, für die du kein Startkapital brauchst.
2. Ein Umfeld, das nicht an deinem Titel hängt
Ihre Freunde sind nicht mit ihr befreundet, weil sie Direktorin war, und ob sie einen Firmenwagen mit Stern fährt oder sich einen Kia kauft, spielt für sie keine Rolle. Statussymbole bedeuten auch Dorothee selbst nicht viel, und das meint sie ausdrücklich wertfrei. Sie nennt das eine innere Freiheit.
3. Die eigene Haltung
Dorothee ist ein zuversichtlicher Mensch und sieht das Glas halb voll. Sie sagt, es gebe nicht die eine Realität, denn zwei Menschen schätzen dieselbe Situation völlig unterschiedlich ein. Für sie fängt alles mit der Frage an, was sie tun kann, um eine Situation, die nicht gut ist, zu ihren Gunsten zu verändern.
Dazu kommt der Blick aus der IT, wo sich Geschäftsmodelle von heute auf morgen fundamental ändern und man gewohnt ist zu fragen, wo die Rettungsanker liegen und wo Systeme brechen. Und sie wusste, dass es Aufgaben gibt, für die genau das gebraucht wird, was sie kann. Zuversicht ist nach Dorothees Einschätzung vielleicht sogar Bedingung für die Selbstständigkeit.
4. Ein belastbares Netzwerk
Dazu komme ich gleich.
Mut zur beruflichen Veränderung lässt sich trainieren
Dorothee und ich vertreten beide die Meinung, dass es ein grundsätzliches Geht-nicht nicht gibt. „Ich kann das NOCH nicht“, ist die Einstellung, wenn wir vor etwas stehen, das wir tun müssten und uns nicht zutrauen. Dorothee hält diese Haltung für trainierbar.
Wir leben ihrer Meinung nach in Zeiten multidimensionaler Veränderung, und auf uns alle werden immer häufiger Situationen zukommen, Dinge tun zu müssen, von denen wir glauben, wir könnten sie nicht.
Mut kann man im Kleinen trainieren. Du schläfst zum Beispiel eine Nacht im Zelt im Garten, obwohl dir das nicht ganz geheuer ist oder du gar keine Lust darauf hast. Mach’s trotzdem.
Oder du gehst abends allein in ein Restaurant. Es muss etwas sein, bei dem du selbst eine Hürde überspringst, bei dem es für dich unbequem wird. Und du wirst überrascht sein – über dich! Was du alles kannst, was anders ist als du dachtest, was du Neues entdeckst.
Irgendwann schlägt das um in „hey, cool, das habe ich schon geschafft, was nehme ich mir als Nächstes vor?“. Und der Mut wächst.
Wenn du heute mit deinem Job unzufrieden bist, musst du also nicht in einem Monat einen neuen haben. Du kannst mit der Nacht im Zelt anfangen. 😉
Meine Kunden bekommen übrigens solche Mikroexperimente von mir auch als Aufgabe, und besonders wertvoll ist der zweite Schritt, sich hinterher zu fragen, was man über sich gelernt hat. Wie viel kleine Schritte aus der Komfortzone bewirken können, habe ich in Raus aus der Komfortzone – was kleine Schritte bewirken und du vermutlich noch nicht bedacht hast beschrieben.
Persönlichkeitsentwicklung ist immer unangenehm, mit Ängsten verbunden und manchmal schmerzhaft. Rückblickend bin ich, wie sie, dankbar für die Krisen in meinem Leben, weil sie mich zu etwas gebracht haben, wozu ich ohne sie nicht fähig gewesen wäre.
Mut zur beruflichen Veränderung braucht ein Netzwerk, auch wenn du Netzwerken hasst
„Sichtbar zu sein war nie so wichtig wie heute“, sagt Dorothee. Zeigen, wie du als Mensch bist, in sozialen Netzwerken, in realen Netzwerken oder in beiden.
Ich war in Sachen Networking selbst lange auf dem falschen Dampfer. Als ich aus der Anstellung kam, hielt ich mein Netzwerk für dürftig und meine Kontakte für wenig hilfreich für meine Neuorientierung. Das war ein großer Irrtum. Ich habe mein Netzwerk komplett falsch eingeschätzt und mich nie darum gekümmert, weil die Leute, mit denen ich zu tun hatte, eh da waren. Obendrein war ich ein unglaublich schlechter Netzwerker.
Als ich mich selbstständig gemacht habe, blieb mir die Wahl, entweder das zu ändern oder keine Kunden zu haben. Also bin ich über meine innere Grenze gegangen, und das Erstaunliche war, dass es nach zwei, drei Wiederholungen gar nicht mehr schlimm war. Im Gegenteil: Ich war mega stolz auf mich.
Dorothee ist ebenfalls introvertiert und liegt, wenn sie die Wahl hat, lieber mit einem Buch auf der Couch, als sich mit Leuten zu unterhalten. Sie ist trotzdem froh, dass sie es tut, weil daraus unglaublich tolle Freundschaften entstanden sind. Wenn du einwendest, dass das Zeit braucht, dann hast du recht, denn menschliche Verbindungen beruhen auf Vertrauen, und das baust du nicht von heute auf morgen auf.
Einen sehr interessanten Aspekt bringt Dorothee ins Spiel: Ein belastbares Netzwerk bedeutet für sie auch eine tiefe innere Sicherheit. Schicksalsschläge können jederzeit kommen, und dann brauchst du Menschen, die dich halten und Dinge für dich tun, die du in dem Moment allein nicht kannst. Das ist viel wichtiger als die Größe meines Hauses oder der Preis meines Neuwagens.
Was KI für deine Erfahrung bedeutet
Dorothee beschäftigt sich beruflich viel mit KI, und ein Gedanke war für mich neu: Sie stellt Führung ins Zentrum. Und ja, das stimmt. Wer mit einer KI arbeitet, kann ein ganzes Team von Agenten losschicken, und das ist Führung, denn er bestimmt, welche Arbeit getan werden soll und wie das Ergebnis aussehen soll.
Das wird ihrer Prognose nach jeden Menschen im Unternehmen betreffen, auch den normalen Sachbearbeiter. Früher wurden Führungskräfte Führungskräfte, weil sie fachlich mehr wussten als alle anderen, und das relativiert sich jetzt, denn jeder im Unternehmen muss beurteilen können, was bei der Arbeit mit KI herauskommt. Dorothee hält Führung für so wichtig wie vielleicht seit hundert Jahren nicht mehr.
Viel Routinearbeit wird wegfallen und das macht vielen Angst. Wir sehen immer zuerst das Alte, das Bekannte, das wegbricht, weil es die Welt ist, die wir kennen, während wir noch nicht sehen, was Neues entsteht.
Dorothees Prognose ist, dass es mehr Selbstständige geben wird, weil KI die eigene Wirksamkeit so viel größer macht. Menschen, die wissen, was sie können und was die Welt gerade braucht, kommen mit KI viel schneller von der Idee ins Tun.
Besonders gefreut hat mich ihre Beobachtung, dass sie den kompetentesten und kreativsten Umgang mit KI überwiegend bei Menschen erlebt, die jenseits der 40 sind. Sie probieren mehr aus und bringen den strategischen, generalistischen Blick mit, den man bei KI stark braucht.
Was deine Erfahrung im KI-Zeitalter noch wert ist, habe ich in Urteilsfähigkeit statt Wissen: Was deine Erfahrung im KI-Zeitalter noch wert ist ausführlicher beschrieben. Dorothee rät jedem, einfach loszulegen, am besten im privaten Umfeld, und die rund 20 Euro im Monat für eine KI in die Hand zu nehmen, weil das für sie die beste Investition in die eigene Zukunft ist.
Wenn du gerade vor deiner eigenen Abzweigung stehst
Dorothees Weg zeigt, dass du keinen fertigen Plan brauchst, um loszugehen. Sie hatte Rücklagen, ein Umfeld, das nicht an ihrem Titel hängt, eine zuversichtliche Haltung und ein Netzwerk, und sie hält Mut für etwas, das sich in kleinen Schritten trainieren lässt. Davon kannst du dir heute schon etwas vornehmen, und die Nacht im Zelt ist eine ziemlich gute Idee für den Anfang. 😉
Wenn du dich gerade fragst, ob eine Selbstständigkeit eine deiner Abzweigungen sein könnte, dann komm zu meinem kostenlosen Online-Workshop „Von der Karriere in die Selbstständigkeit“. An drei Live-Abenden, am 2., 6. und 10. November 2026, jeweils um 18 Uhr, legst du das Fundament, mit Klarheit zu Positionierung, Geschäftsmodell und deinen konkreten nächsten Schritten. Hier kannst du dich anmelden: sabinevotteler.com/aktuell
Du kannst Dorothee hier finden:
Webseite: https://dorothee-toereki.de/
LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/dorotheetoereki/
Warum „Let’s talk about“?
Ich habe diese Interview-Reihe ins Leben gerufen, weil ich weiß, dass es eine ordentliche Portion Mut erfordert, beruflich neu anzufangen – egal ob in die Selbstständigkeit oder in einen ganz neuen Job. Und weil ich weiß, dass Vorbilder und Gleichgesinnte ein ganz wichtiger Schlüssel zum Erfolg sind.
Sie zeigen, dass es funktioniert. Dass nicht immer alles glattläuft. Dass Erfolg nicht über Nacht kommt. Dass jeder Hürden überwinden muss.
Und sie erzählen, wie SIE es gemacht haben, mit all ihren Ängsten, Misserfolgen und ganz persönlichen Erfolgsrezepten.
Wenn sie es geschafft haben, dann schaffst du es auch!
Häufig gestellte Fragen
Wie finde ich den Mut zur beruflichen Veränderung mit 50?
Mut zur beruflichen Veränderung wächst in kleinen Schritten. Dorothee Töreki, die sich mit über 50 selbstständig gemacht hat, nachdem sie ihre Position als Direktorin Digitalisierung selbst gekündigt hatte, rät dazu, Mut zu trainieren, indem man kleine Hürden überwindet – etwa eine Nacht im Zelt im Garten oder ein Abendessen allein im Restaurant. Außerdem helfen Rücklagen, die dir Spielraum geben, ein Umfeld, das nicht an deinem Titel hängt, und eine zuversichtliche Haltung.
Kann ich mit 50 noch beruflich neu anfangen, auch wenn alle sagen, das geht nicht?
Ja, und Dorothee Töreki ist dafür ein Beispiel. Sie wechselte als Bauingenieurin in die IT, arbeitete elf Jahre bei IBM und machte sich 2019 selbstständig, und immer wieder gab es Menschen, die ihr sagten, das könne sie nicht. Sie sagte sich, dass das die Meinung der anderen ist, und glaubte selbst daran, dass es funktioniert. Entscheidend war, dass sie sich angeschaut hat, was sie kann und was gerade gebraucht wird, und dort angesetzt hat, wo sich beides überschneidet.
Kann man Mut lernen und trainieren?
Ja, nach Dorothee Törekis Erfahrung lässt sich Mut mit ganz kleinen Dingen trainieren, bei denen du eine Hürde überspringen musst. Das kann eine Nacht im Zelt im Garten sein oder ein Abendessen allein im Restaurant. Wenn du dich danach fragst, was du bei der Aktion über dich gelernt hast, merkst du oft, dass es weniger schlimm war als gedacht und vor allem, dass du unerwartete Dinge kannst. Hilfreich ist die Haltung „ich kann das noch nicht“ statt „ich kann das nicht“.
Wie kann ich als introvertierter Mensch netzwerken?
Auch Dorothee Töreki und ich sind introvertiert und fanden Netzwerken lange furchtbar. Es hilft, das Ganze als Training zu sehen, denn nach zwei, drei Wiederholungen ist die größte Hemmschwelle meist überwunden. Dorothee betont, dass Netzwerke auf Vertrauen beruhen und Jahre brauchen, du also früh anfangen solltest, und dass es auch Kontakte außerhalb des Jobs braucht, die dich halten, wenn es schwierig wird.


