Eine richtig große Abfindung sieht für viele aus wie der ultimative Weg in die Freiheit. Derzeit werden insbesondere im Management wirklich üppige Abfindungspakete geschnürt, teilweise in der Größenordnung mehrerer Jahresgehälter, und der erste Gedanke ist oft: Was für ein Luxus, da würde ich auch gehen! Das klingt so easy, ist es aber nicht. Abfindung annehmen oder nicht, diese Frage hängt von so viel mehr ab als von der Höhe der Summe.
Höre hier den Podcast dazu:
Zuerst einmal wichtig: Eine Abfindung ist kein Geschenk. Sie ist ein Verhandlungsangebot, und ob es das richtige für dich ist, hängt davon ab, welche Alternative du hast, also, was passiert, wenn du bleibst.
Wann wird die nächste Umstrukturierung im Unternehmen kommen und wirst du dann dabei sein? Wie hoch sind deine Marktchancen gerade wirklich? Wie sieht es mit deiner Motivation, deiner Gesundheit und deiner privaten Situation aus? Welche Verantwortung trägst du und was wünschst du dir für die nächsten Jahre?
Wer allein auf den Betrag schaut, übersieht die tatsächliche Tragweite dieser Entscheidung.
Und zusätzlich ist so ein Angebot selten nur eine nüchterne, geschäftliche Geschichte. Da spielen emotionale Dinge mit hinein.
- Es kann sich wie eine Kränkung anfühlen. Da soll man mit Geld abgespeist werden, weil man plötzlich nicht mehr gebraucht wird.
- Oft erlebe ich bei Kunden, dass durch dieses Angebot Druck entsteht, jetzt schnell und natürlich richtig entscheiden zu müssen.
- Es kann auch ein Befreiungsschlag sein, auf den jemand insgeheim schon länger gewartet hat. Und manchmal ist es von allem etwas.
Genau diese emotionale Gemengelage ist der Grund, warum so viele am Ende schlecht verhandeln. Schlechter als sie gekonnt hätten.
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Abfindung annehmen oder nicht: Geld ist die falsche erste Frage
Die meisten fangen erst einmal an zu rechnen. Naheliegend. Reicht die Summe, empfindet man sie als angemessen, wie lange kommt man damit über die Runden? Das sind ohne Zweifel wichtige Fragen, aber sie sind eher später zu stellen.
Die eigentliche erste Frage ist die von oben, willst du die Abfindung grundsätzlich und was sind deine Optionen, wenn du nicht unterschreibst? Ist die Abfindung für dich eine Erlösung, eine riesige Chance, ein Sicherheitspuffer, eine Startrampe oder schlicht keine Wahl, weil deine Position ohnehin wegfällt.
Zur aktuellen Arbeitsmarktlage und deinen Möglichkeiten als Führungskraft Ü50 habe ich kürzlich auch in einem Interview im Harvard Business Manager berichtet.
Das Gesamtpaket zählt, nicht nur die Zahl
Wer nur auf die Summe schaut, übersieht die Hälfte. Um das Angebot bewerten zu können, sind weitere Kriterien zu berücksichtigen. Bist du freigestellt bei vollem Gehalt, oder scheidest du sofort aus? Was passiert mit Resturlaub, mit dem Bonus, der variablen Vergütung und mit sonstigen offenen Ansprüchen? Übernimmt das Unternehmen eine Outplacement-Beratung oder eine Weiterbildung? Was ist mit dem Dienstwagen, mit dem Laptop, und ganz wichtig, gibt es ein nachvertragliches Wettbewerbsverbot?
Ich habe das selbst erlebt. Als ich aus meinem Konzernjob ausgestiegen bin, habe ich mich auf der einen Seite beworben und gleichzeitig freiberuflich für eine Firma gearbeitet, weil ich in der Selbstständigkeit Erfahrung sammeln wollte. Hätte ich damals ein Wettbewerbsverbot gehabt, wäre mir genau das nicht möglich gewesen.
Dazu kommen rechtliche Gesichtspunkte, die ich als Nicht-Expertin nicht abschließend beantworten kann und die du unbedingt von einem Fachanwalt für Arbeitsrecht und einem Steuerberater klären lassen solltest, etwa Fragen zum Auszahlungszeitpunkt und zur Sperrzeit beim Arbeitslosengeld. Mehr zum Thema ”Abfindung und dann kommt die Wirklichkeit” findest du auch in meinem WirtschaftsWoche-Interview.
Und ja, so eine Stunde Beratung kostet Geld, aber sie kann dir schnell eine fünfstellige Fehlentscheidung ersparen.
Warum so oft schlecht verhandelt wird
Weil eine Abfindung eben so eine emotionale Sache ist, wird häufig schlecht verhandelt. Aus dem ersten Schock heraus etwas zusagen, das ist in jedem Fall keine gute Idee, egal wie fair sich das Gespräch anfühlt. Nimm dir auf jeden Fall Bedenkzeit, die steht dir zu. Und lass dich dabei nicht unter Druck setzen.
Wichtig ist auch, deine eigene Verhandlungsposition realistisch einzuschätzen. Was will das Unternehmen am Ende eigentlich erreichen? Welches Interesse steht dahinter? Bist du die oder der einzige Betroffene oder gibt es viele? Wie schnell will man die Sache über die Bühne bringen? Gibt es rechtliche Risiken für den Arbeitgeber? Ist deine Rolle schwer ersetzbar? Wie lange bist du schon im Unternehmen?
Je größer der Schmerz oder das Risiko auf Unternehmensseite, desto mehr Verhandlungsspielraum hast du. Und dann bitte sachlich bleiben, so schwer das manchmal fällt. Es ist eine Verhandlung, keine Bettelei, kein Rechtfertigen, du musst keine Zugeständnisse machen und es werden in der Regel auch keine Almosen verteilt. Selbst wenn du ein noch so gutes Verhältnis zu deinem Arbeitgeber und deinem Chef hast, Unternehmen handeln strategisch und nicht weil sie dir einen Gefallen tun wollen. Sei ein darauf eingestellter Verhandlungspartner auf Augenhöhe.
Vier Wege, wie es nach der Abfindung weitergehen kann
Sobald die Entscheidung steht, kommt die nächste Frage, was du mit der gewonnenen Zeit machst. Vielleicht erst mal Pause. Ok, fair enough. Und dann?
Im Wesentlichen sehe ich vier Varianten, was Menschen tun, unabhängig davon, ob ihr nächster Schritt eine neue Anstellung sein wird oder der Ausstieg als Manager in etwas komplett Neues, etwas Eigenes, oder ob sie das noch gar nicht wissen.
- Bewerben. Du gehst sofort und mit voller Energie in die Jobsuche, weil dein Profil gefragt ist, dein Netzwerk aktiv ist und du weißt, was du willst. (Vorsicht: Manchmal steckt auch “nur” Panik und daraus resultierender Aktionismus dahinter. Wenn das der Fall ist, wähle lieber eine der folgenden Alternativen.)
- Reflektion. Du nimmst dir ganz bewusst einige Wochen Zeit, um zu klären, wo du in der zweiten Hälfte deines Berufslebens eigentlich hinwillst, wer du bist, was du mitbringst, was dir wichtig ist, bevor du irgendwas Neues beginnst.
- 2-gleisig fahren. Du bewirbst dich und arbeitest gleichzeitig an einem Interimsmandat oder einem ersten freiberuflichen Projekt, so wie ich das selbst beim Wechsel von der Karriere in die Selbstständigkeit gemacht habe.
- Komplett abschalten. Du ziehst dich ganz bewusst für viele Monate aus allem raus, was die Arbeit anbelangt, gehst zum Beispiel auf Reisen und kümmerst dich erst mal gar nicht darum, wie es weitergeht. Nach Jahren unter Volldampf ist Abschalten manchmal die Voraussetzung dafür, dass die nächste Entscheidung gut werden kann.
Keine dieser vier Varianten ist grundsätzlich richtig oder falsch. Richtig ist die, die zu deiner Energie, deiner finanziellen Situation und dem passt, was du willst, wenn du ehrlich mit dir bist.
Abfindung annehmen oder nicht: Fünf Fehler, die dich teuer zu stehen kommen
- Aus Trotz irgendwas unterschreiben oder blockieren schadet am Ende dir selbst am meisten.
- Nur das Geld sehen und keinen Plan für danach haben, denn nach dem Geld holt dich die Realität ein, die länger dauernde Jobsuche, zuhause zu sitzen, sich überflüssig zu fühlen und so weiter.
- Dich kleinmachen und aus falscher Dankbarkeit dafür, dass man dir überhaupt etwas anbietet, zu schnell ja sagen. Bedenke: Diese Kostenposition ist beim Unternehmen längst eingepreist.
- Den Markt falsch einschätzen. Auch mit Ü50 gelingt ein Wechsel, braucht aber eine andere Strategie als mit 40 und mehr Zeit. Ein halbes Jahr reicht dafür selten.
- Ohne Zeithorizont und Plan in die Sache reingehen, denn dann greifst du irgendwann unfreiwillig deine Ersparnisse an, wenn das Geld nicht mehr reicht. Etwas anderes ist es, wenn du das bewusst so entschieden hast.
Was jetzt hilft
Du musst diese Entscheidung nicht allein und nicht unter Schock treffen. Nimm dir Bedenkzeit, hol dir arbeits- und steuerrechtlichen Rat, und kläre für dich, welche der vier Varianten zu deiner aktuellen Verfassung passt.
Wenn du dabei Struktur und Klarheit brauchst, statt allein im Kreis zu grübeln, ist mein kostenloser Workshop ESCAPE genau dafür gemacht. An drei Abenden ordnen wir deine Situation, arbeiten deine übertragbaren Fähigkeiten heraus und entwickeln realistische Optionen, egal ob du gerade noch mit dem Abfindungsangebot haderst oder schon mittendrin steckst in der Neuorientierung.
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Häufige Fragen zum Thema Abfindung annehmen oder nicht
Wie lange habe ich Zeit, zu entscheiden, ob ich eine Abfindung annehme oder nicht?
Üblich sind bis zu 14 Tage Bedenkzeit, oft auch länger. Nutze diese Zeit, um das Angebot arbeitsrechtlich und steuerlich prüfen zu lassen, statt unter Druck sofort zu unterschreiben.
Was passiert, wenn ich die Abfindung nicht annehme?
Das hängt von deiner konkreten Situation ab. Manchmal folgt eine reguläre Kündigung mit Kündigungsschutzklage als Option, manchmal bleibst du zunächst regulär beschäftigt. Genau das solltest du vorab mit einem Fachanwalt für Arbeitsrecht klären.
Wie hoch sollte eine Abfindung sein?
Es gibt keine pauschale Antwort, weil die Höhe von Verhandlungsposition, Betriebszugehörigkeit und Risiko für den Arbeitgeber abhängt. Wichtiger als die reine Summe ist meist das Gesamtpaket aus Freistellung, Resturlaub, Bonuszahlungen und Nebenleistungen.
Wie lange sollte die Abfindung reichen, bevor ich mir etwas Neues suche?
Plane lieber zu lang als zu kurz. Gerade mit Ü50 dauert eine Jobsuche oder der Aufbau einer Selbstständigkeit häufig deutlich länger als in jüngeren Jahren, ein halbes Jahr Puffer reicht in den meisten Fällen nicht aus.



