Einer meiner Kunden ist ein echter Excel-Nerd. Er programmiert in Excel Dinge, bei denen ich nur staunen kann, und er ist zu Recht stolz darauf. Genau deshalb wehrt er sich dagegen, dieselbe Arbeit mit KI zu erledigen, doch damit steht seine Erfahrung im KI-Zeitalter auf einem wackligeren Fundament, als er sich eingestehen mag.
Höre hier den Podcast dazu:
Ich verstehe ihn gut, denn mir ging es mit dem Schreiben ganz ähnlich. Ich schreibe schon seit ich denken kann gern und, wie ich finde, auch gut. Ich verfasse seit vielen Jahren regelmäßig Blogartikel und Beiträge für Medien. Als ich anfing, mit KI zu arbeiten, waren die Texte bei Gott nicht gut, und trotzdem waren wir alle ziemlich baff, was da schon möglich war. Dann kamen die ersten E-Mails, bei denen ich sofort sah, dass die kein Mensch geschrieben hatte, und LinkedIn-Posts, die erkennbar aus der KI stammten. Bei mir hat da auch was angeschlagen, das gebe ich gerne zu.
Ich dachte, Mist, wenn jetzt jeder gleich gute Texte hinbekommt, wie hebe ich mich dann noch ab? Es hat eine Weile gedauert, bis ich verstanden habe, dass meine Texte kein wichtiges Alleinstellungsmerkmal sein können. Wenn ich nicht mehr drauf hätte, wäre das doch ziemlich armselig.
Bis heute finde ich KI-Texte nicht durchgängig gut, und ich erkenne sie meistens immer noch.
Folge 233 als Video anschauen:
Warum Erfahrung im KI-Zeitalter allein nicht mehr reicht – ein bisschen Statistik
Viele Menschen haben Vorbehalte gegenüber der KI und Angst, dass sie ihren Job ersetzen könnte. Und in Teilen ist das auch so. Allerdings trifft es bislang vor allem Berufsanfänger. Nach einer Untersuchung des Stanford Digital Economy Lab zu Beschäftigung und KI liegt die Beschäftigung der 22- bis 25-Jährigen in stark KI-nahen Berufen mit Stand Juni 2026 rund 19 Prozent unter dem Wert, den sie bei gleicher Entwicklung in weniger betroffenen Berufen hätte. Erfahrene Beschäftigte zeigen keine vergleichbare Lücke.
Der Grund liegt vor allem darin, dass weniger junge Leute eingestellt werden, denn gerade in den Einstiegsjobs in der Wissensarbeit gibt es viele Routineaufgaben, wie zum Beispiel Recherchen, Präsentationen erstellen oder Analysen. Und das kann die KI besonders gut.
Das ist keine Entwarnung für dich, wenn du Ü50 bist. Die Studienlage zeigt auch, dass sich der Wissens- und Erfahrungsvorsprung, den Ältere bislang hatten, gerade verkleinert. In einem Feldexperiment bei Procter & Gamble mit 776 Fachleuten erreichten Einzelpersonen mit KI eine Leistung, die mit der von zweiköpfigen Teams ohne KI vergleichbar war. Die KI wird zum Sparringspartner und zum Teammitglied.
Eine Studie zu mehr als 5.000 Kundenservice-Mitarbeitenden fand außerdem heraus, dass vor allem weniger qualifizierte Beschäftigte profitieren, mit rund 30 Prozent mehr gelösten Fällen pro Stunde, während Leistungsstarke kaum Vorteile hatten. Das klingt für mich plausibel, weil die KI Lücken in Wissen und Erfahrung verkleinert.
Wer viele Jahre oder Jahrzehnte in einem Fachgebiet gearbeitet hat, ist deshalb nicht mehr automatisch im Vorteil, wie das früher einmal war.
Wissen ist heute kein Wert mehr an sich, weil es überall günstig zu bekommen ist. Das sieht man auch bei meinem „Excel-Kunden“. Der hart erarbeitete Vorsprung, für den er jahrelang geschätzt wurde, geht gerade verloren.
Warum dein Wissen kein Alleinstellungsmerkmal mehr ist
Das gilt für ganze Berufsgruppen. Ein Übersetzungsbüro, ein Fotograf, jemand, der Präsentationen erstellt oder Marktanalysen macht, sie alle haben es schwer, denn die KI kann das auch, genauso wie Videos schneiden und Websites bauen. Ja, ich finde, dass KI-Websites alle ein bisschen ähnlich aussehen. Noch. Aber so what? Da muss die Frage erlaubt sein, ob das überhaupt relevant ist.
Für den Kunden zählt die Leistung, die auf dieser Website verkauft wird, und die Person oder Firma dahinter. Ob ein Programmierer HTML-Code geschrieben hat oder die Seite per Vibe Coding entstanden ist, interessiert ihn nicht. Alle, die solche Aufgaben bisher erledigt haben, dürfen sich deshalb umpositionieren und sich andere Alleinstellungsmerkmale und andere Vorteile für ihre Kunden überlegen.
Für uns Ältere heißt das, dass wir uns davon lösen dürfen, uns über unser Wissen und unsere Erfahrung zu definieren. Das spürst du spätestens bei der Jobsuche.
Früher hat es gereicht, einen Track Record vorzuweisen, mit Lebenslauf, Zeugnissen und beeindruckenden Positionen. Daraus schloss jeder, dass du dort auf jeden Fall schon mal was richtig gemacht hast, dass du führen kannst und ökonomische Kompetenz mitbringst.
Das stimmt heute auch noch, es sagt aber nichts darüber aus, wie zukunftsfähig das ist, was du bisher gemacht hast. Die technologische Entwicklung geht rasant, und was vor zehn Jahren wichtig und relevant war, führt heute nicht mehr automatisch in die Zukunft.
Wie es dir bei der Jobsuche als Führungskraft mit 50 ergeht und warum Erfahrung allein dort nicht mehr reicht, habe ich in einem eigenen Artikel beschrieben.
Was Erfahrung im KI-Zeitalter tatsächlich wertvoll macht
Und dennoch ist Erfahrung etwas wert, unter einer Voraussetzung. Die Nutzung von KI braucht Expertise. Die KI kann die Produktivität steigern, aber sie steigert vor allem den Output und die Geschwindigkeit, in der er entsteht. Je mehr Output herauskommt, desto mehr muss geprüft werden, denn wir können die Ergebnisse der KI nicht ungeprüft übernehmen. Diese Erfahrung hat inzwischen vermutlich jeder gemacht.
Es braucht also Menschen, die Ergebnisse beurteilen können. Und es braucht sie schon am Anfang. In der IT gibt es dafür den Spruch „Garbage in, garbage out“, und jeder, der angefangen hat zu prompten, kennt das. Du schreibst einen Satz hinein, die KI übernimmt den Rest, und dann bist du enttäuscht, wie banal das Ergebnis ausfällt.
Je weniger Kontext, je weniger Wissen und je weniger Zielsetzung du der KI mitgibst, desto schlechter und ungenauer wird das Ergebnis. Ein menschliches Hirn muss also am Anfang überlegen, was es in die KI hineingibt, was der Auftrag ist und was er umfasst, und am Ende prüfen, was herauskommt.
Dabei hilft dir, was du in deinen Berufsjahren aufgebaut hast. Je mehr Fachexpertise du hast, desto besser kannst du die Ergebnisse der KI beurteilen.
Das Paradoxe daran ist, dass gerade die Jüngeren und weniger Erfahrenen am meisten von der KI profitieren und sie eigentlich am stärksten nutzen sollten, aber gleichzeitig auch genau die sind, die die Ergebnisse am schlechtesten bewerten können. Sie sind besonders anfällig für Fehleinschätzungen. Wer kennt es nicht, dass die KI ein Ergebnis ausspuckt, das so plausibel klingt, dass man beeindruckt ist? Plausibilität ist aber noch keine Wahrheit, und den Unterschied erkennt nur, wer die Fachdomäne kennt.
Was heißt das konkret? Du musst Ergebnisse einordnen und in einen Zusammenhang stellen können. Du erkennst Widersprüche und hinterfragst logisch klingende Schlussfolgerungen. Du kommst auf die Idee, der KI zu sagen: „Okay, so weit, aber was wäre, wenn wir diesen Parameter verändern?“ Du gibst Beispiele und Modelle mit, um die KI aus der Reserve zu locken. Auf solche Ideen kommst du nur, wenn du weißt, dass es sie gibt, und hier greift mein Lieblingsspruch, „You don’t know what you don’t know“. Wissen tun es die, die schon lange in einem Bereich arbeiten.
Alter ist kein Garant, aber Expertise braucht Zeit
Manche machen seit 20 Jahren dasselbe, ohne es je zu reflektieren oder weiterzuentwickeln oder zu irgendetwas in Bezug zu setzen. Alter allein ist keine Expertise. Gleichzeitig bedeutet jung zu sein nicht automatisch, zukunftsfähig zu sein. Das Alter ist eigentlich völlig egal.
Trotzdem haben wir als Ältere einen Vorteil, weil die Entwicklung von Expertise Zeit braucht. Dinge müssen sacken und sich verfestigen, wir müssen Gedanken entwickeln und neue Verbindungen erkennen können, und das gelingt mit 20 oder 25 einfach noch nicht.
Das ist der große Vorsprung, den Erfahrene gerade im Zeitalter der KI haben, aber er trägt nur, wenn die Erfahrung in die Zukunft übertragbar ist. Erfahrung in Berufsjahren und Wissen kann nämlich ganz schnell veralten.
Für mich besteht Expertise aus drei Dingen, nämlich aus Fachwissen, aus gelebter Erfahrung und aus Weiterentwicklung. Dazu gehört, sich mit neuen Entwicklungen wie der KI auseinanderzusetzen, sie zu verstehen, zu integrieren und einzusetzen. Dann erkennst du Zusammenhänge und Muster und kannst dein Kontextwissen auf neue Situationen übertragen.
Erst dann ist deine Erfahrung echte Expertise und keine angestaubte Ablage, in der alles liegt, was du dir angeeignet hast. Diese Ablage wird ständig aktualisiert, sie bleibt auf dem neuesten Stand, und manches wird auch weggeworfen, weil es nicht mehr gilt.
Erfahrung im KI-Zeitalter übersetzen, statt sie aufzulisten
Ich bin mir ziemlich sicher, dass du Expertise hast. Die Menschen, die mir zuhören, sind in der Regel Wissensarbeiter mit hoher Qualifikation. Die Herausforderung besteht darin, diese Art von Expertise zu erkennen, auf den Punkt zu bringen und dich damit zu positionieren, sodass diejenigen es verstehen, die es wissen sollen, zum Beispiel ein künftiger Arbeitgeber.
Bleib deshalb nicht bei deiner Erfahrung in der Form hängen, wie sie im Lebenslauf steht, in den Positionen, die du bisher hattest. Übersetze sie in das, wie du in Zukunft mit ihrer Hilfe wirken kannst. Wie du deine Expertise in ihre Bausteine zerlegst und neu zusammensetzt, habe ich schon einmal an meinem eigenen Weg beschrieben.
Und setz dich mit der KI auseinander, denn dein Wissen allein reicht heute nicht mehr.
Meinen „Excel-Kunden“ würde ich gern noch an den Punkt bringen, an dem er sich öffnet. Er hat ein so großes analytisches und prozessuales Verständnis, dass er mit Vibe Coding unglaublich viel bewegen könnte, viel schneller und genialer, wenn er es einfach zuließe. Seine Erfahrung wartet nur darauf, dass er sie in eine neue Form übersetzt.Was hat dich bei deiner eigenen Arbeit mit KI zuletzt überrascht?
Wenn du eine Einschätzung deiner individuellen Situation haben möchtest, vereinbare ein kostenloses Strategiegespräch mit mir: sabinevotteler.com/aktuell
Häufige Fragen
Ist Berufserfahrung im KI-Zeitalter noch etwas wert?
Ja, aber nur unter einer Voraussetzung. Wissen allein ist heute kein Vorteil mehr, weil es überall günstig verfügbar ist. Wertvoll wird Erfahrung, wenn du daraus Expertise gemacht hast, also Fachwissen, gelebte Erfahrung und Weiterentwicklung. Mit dieser Expertise kannst du der KI einen guten Auftrag geben, ihre Ergebnisse einordnen und prüfen, ob plausibel Klingendes auch stimmt.
Werden ältere Arbeitnehmer durch KI ersetzt?
Bislang zeigt sich der Effekt vor allem bei Berufsanfängern. Nach Untersuchungen liegt die Beschäftigung junger Beschäftigter in stark KI-nahen Berufen deutlich unter der in weniger betroffenen Berufen, während erfahrene Beschäftigte keine vergleichbare Lücke zeigen. Das ist keine Garantie für die Zukunft, denn der Vorsprung, den Ältere durch Wissen hatten, wird kleiner. Ihr Vorteil liegt künftig in der Urteilsfähigkeit.
Was ist der Unterschied zwischen Wissen und Expertise?
Wissen lässt sich heute überall günstig abrufen. Expertise setzt sich aus Fachwissen, gelebter Erfahrung und ständiger Weiterentwicklung zusammen. Sie hilft dir, Zusammenhänge zu verstehen, Muster zu erkennen und dein Kontextwissen auf neue Situationen zu übertragen, und sie zeigt sich darin, dass du Ergebnisse beurteilen und hinterfragen kannst.
Muss ich mit 50 noch lernen, mit KI zu arbeiten?
Dich der KI zu verweigern bringt dir keinen Vorteil, denn andere können mit KI manchmal schneller und besser arbeiten. Du musst kein Programmierer werden, aber du solltest dich mit ihr auseinandersetzen, sie verstehen und in deine Arbeit integrieren, damit deine Erfahrung in die Zukunft übertragbar bleibt.


