Ein Klient, seit sechs Monaten freigestellt, meinte neulich zu mir, das Schlimmste sei gar nicht das fehlende Gehalt und auch nicht die bislang erfolglosen Bewerbungen. Das Schlimmste sei eigentlich der Alltag. Zum Beispiel so ein ganz normaler Dienstagvormittag um zehn, wenn alle Welt arbeitet, nur er nicht. Und dass er dann gar nicht weiß, wohin mit sich. Sich über die Arbeit definieren, das tun die meisten von uns viel stärker, als ihnen bewusst ist. Und das fällt erst auf, wenn die Arbeit nicht mehr da ist.
In meiner neuen Podcast-Episode gehe ich der Frage nach, was Arbeit uns eigentlich alles gibt, weit über das Gehalt hinaus, was es bedeutet, wenn der Job plötzlich weg ist, und wie wir damit umgehen können.
Hör hier rein:
Du arbeitest, also bist du. Du leistest, also bedeutest du etwas. Du funktionierst, also gehörst du dazu. Von Kind an lernen wir, dass Arbeit das ist, wofür wir bezahlt werden. Später ist Arbeit das, was auf der Visitenkarte steht. Und irgendwann fühlen wir, dass Arbeit das ist, was wir sind. Wir SIND der Job.
Bei Menschen um die 50 hat sich dieser Prozess über Jahrzehnte vollzogen, ganz allmählich, ohne bewusste Entscheidung. Die Arbeit hat sich klammheimlich an die erste Stelle im eigenen Leben geschlichen. Du merkst das unter anderem daran, dass du bei der Frage „Und was machst du so?“ ganz automatisch mit deinem Jobtitel antwortest, nie mit dem, was dich sonst ausmacht.
Hier kannst du die Folge als Video anschauen:
Was Arbeit dir alles gibt, solange sie da ist
Wir reden oft abschätzig über Arbeit, über Meetings, Politik, Druck. Aber mal ehrlich, solange sie da ist, gibt sie uns auch enorm viel:
- Struktur, einen Rhythmus, der den Tag formt und der Woche ein Gerüst gibt,
- Zugehörigkeit, das Gefühl, gebraucht zu werden und Teil von etwas zu sein,
- Anerkennung, gesehen werden für das, was du leistest,
- soziale Kontakte, Austausch, auch mal Reibung,
- Wirksamkeit, das Gefühl, etwas zu bewegen und zu hinterlassen,
- und Sinn, die Gewissheit, dass du einen Unterschied machst.
Das ist eine beachtliche Liste für etwas, das offiziell nur dein Einkommen sichern soll.
Vor allem die Struktur unterschätzen fast alle. Der Wecker, der klingelt, weil du zur Arbeit must, der erste Kaffee am Morgen, die Meetings, der Feierabend, das alles wirkt banal, solange es läuft. Meine Klienten erzählen mir aber immer wieder, dass genau dieses Gerüst als Allererstes fehlt. Die Woche verliert ihre Form, der Tag seinen Rhythmus und ein Samstag fühlt sich an wie der Mittwoch, und irgendwann fragst du dich morgens, wozu du eigentlich aufstehst.
Ähnlich läuft es mit den Kontakten. Rechne mal ehrlich nach, wie viele deiner regelmäßigen Gespräche über den Job laufen. Bei den meisten Führungskräften sind es fast alle. Kollegen, Geschäftspartner, das Team, dazu der kurze Flurfunk zwischendurch. Fällt der Job weg, fällt das gesamte soziale Netz mit weg, und was übrig bleibt, ist oft erschreckend dünn.
Warum wir uns über die Arbeit definieren
Arbeit soll heute längst nicht mehr nur die Miete zahlen. Sie soll Sinn stiften, Identität geben, Zugehörigkeit schaffen. Sie soll uns strukturieren, fordern, wachsen lassen. Wir erwarten von Arbeit das, was früher Familie, Gemeinschaft und Glaube geleistet haben. Kann Arbeit das überhaupt leisten? Und sollte sie das?
Dabei ist diese Erwartung historisch gesehen relativ neu. Frühere Generationen erwarteten von Arbeit vor allem, dass sie ihnen ein Auskommen ermöglicht und sie nicht kaputtmacht. Erfüllung, Identität und Gemeinschaft kamen von woanders, aus der Familie, dem Dorf, dem Verein, der Kirche. Erst meine Generation hat angefangen, all das auf den Beruf zu verlagern, und gleichzeitig sind die anderen Quellen allmählich versiegt.
Warum ausgerechnet die Arbeit dieses Vakuum gefüllt hat, lässt sich gut nachvollziehen. Die alten Sinnquellen haben über Jahrzehnte an Bindekraft verloren, die Kirchen wurden immer leerer, Dörfer und Vereine ebenso, und die Großfamilie schrumpfte zur Kleinfamilie, die oft genug in einer anderen Stadt wohnt. Gleichzeitig versprach die Arbeitswelt immer mehr. Aus dem Broterwerb wurde erst die Karriere, dann die Berufung, und irgendwann sollte der Job auch noch Selbstverwirklichung liefern. Der amerikanische Journalist Derek Thompson nennt das „Workism“, Arbeit als Ersatzreligion.
Wir haben also nicht falsche Prioritäten gesetzt, wir haben das Naheliegende getan. Die Arbeit war die einzige Instanz, die noch täglich da war, und sie hat bereitwillig alle Rollen übernommen.
Status und Anerkennung gab es früher übrigens auch schon, unsere Großeltern waren nicht bescheidener als wir. Aber ihr Ansehen speiste sich aus mehreren Quellen gleichzeitig, aus der Familie und der Herkunft, aus dem Amt im Verein oder in der Kirchengemeinde, aus dem festen Platz in der Nachbarschaft. Die Arbeit war eine dieser Quellen, aber eben nur eine von vielen. Erst wir haben Status fast komplett an die Karriere gekoppelt. Seitdem musst du ihn dir selbst verdienen, immer wieder neu, und wenn der Job wegfällt, ist der Status auch dahin.
Ich erlebe in meiner Arbeit immer wieder, wie tief diese Erwartung sitzt. Meine Klienten haben über Jahrzehnte alles in den Beruf investiert, Zeit, Energie, Ehrgeiz, und im Gegenzug hat der Beruf ihnen alles gegeben, was ein Leben zu brauchen scheint. Eine perfekte Symbiose, solange sie funktioniert. Auch ich habe lange so gelebt und es nicht hinterfragt, warum auch, es lief ja.
Vielleicht haben wir zu viel erwartet, die Arbeit überfordert. Und uns selbst gleich mit. Denn wenn Arbeit für all das zuständig ist, was bleibt dann, wenn sie wegfällt?
Sich über die Arbeit definieren funktioniert, bis die Arbeit wegfällt
Dann bricht nicht einfach ein Job weg. Es bricht alles weg, was dranhing. Die Struktur löst sich auf, der Dienstagvormittag um zehn wird zur Zumutung. Die Kontakte dünnen aus, denn die meisten davon liefen über den Job. Die Anerkennung bleibt aus, niemand sieht mehr, was du leistest, weil du offiziell nichts mehr leistest. Und die Wirksamkeit, dieses Gefühl, etwas zu bewegen, findet schlicht nicht mehr statt.
Ein Klient von mir, über zwanzig Jahre in Führungspositionen, beschrieb mir seine ersten Wochen nach der Freistellung so: Die ersten Tage war er einfach nur mega erleichtert. Die nächsten Wochen fühlten sich an wie Urlaub, endlich ausschlafen, endlich Zeit. Doch dann allmählich kippte es. Das Telefon blieb stumm, keiner wollte was, der Kalender war leer, und beim Bäcker fragte ihn die Verkäuferin, ob er heute frei habe. Fast fühlte er sich bemüßigt, sich zu rechtfertigen. Nur, um nicht als jemand dazustehen, der nichts zu tun hat.
Das erklärt, warum ein Jobverlust so viel härter trifft, als es von außen aussieht. Es geht eben nicht nur ums Geld. Wie tief diese Krise gehen kann, habe ich selbst erlebt und in meinem Blogbeitrag Persönliche Krise nach der Kündigung beschrieben. Und wenn dein Selbstwert eng an deine Leistung gekoppelt ist, trifft es dich doppelt, dazu findest du mehr in diesem Blog: Selbstwert und Karriere.
Dabei musst du den Job nicht einmal verlieren, um das zu spüren. Viele meiner Klienten sind noch mittendrin und merken trotzdem, dass die Rechnung nicht mehr aufgeht. Die Arbeit gibt ihnen immer weniger von dem, was sie sich von ihr erhofft haben, und sie fühlen sich beruflich festgefahren, was mit Ü50 leider keine Seltenheit ist.
Zwei Fragen bringen es auf den Punkt.
- Wie viel von dem, was du dir von deiner Arbeit erwartest oder versprichst, liefert sie tatsächlich (noch)?
- Wie viele dieser Dinge könntest du anderweitig abdecken, wenn dein Job morgen wegfallen würde?
Der beste Ausgangspunkt für dein nächstes Kapitel
Diese Fragen sind unbequem, aber sie sind Gold wert. Denn wer weiß, was ihm Arbeit wirklich gibt und was er sich von ihr nur erhofft, kann sein nächstes Kapitel bewusst gestalten, statt einfach das alte Muster in einem neuen Job fortzusetzen. Zudem lassen sich Struktur, Zugehörigkeit, Wirksamkeit und Sinn auch anders organisieren als über eine einzige Quelle, die jederzeit versiegen kann.
Der Punkt ist nicht, dir eine einzige neue Quelle zu suchen, die den Job ersetzt. Der Punkt ist, breiter zu werden. Struktur bekommst du beispielsweise auch aus einem festen Trainingsplan oder einem Ehrenamt mit klaren Terminen. Wirksamkeit spürst du, sobald du für irgendjemanden etwas bewegst, bezahlt oder nicht. Und Zugehörigkeit entsteht überall dort, wo Menschen regelmäßig aufeinandertreffen, nicht nur im Meetingraum.
Wer diese Quellen auf mehrere Standbeine stellt, statt sie an einer einzigen Stelle zu bündeln, übersteht die nächste Erschütterung leichter, ob sie nun Kündigung, Umstrukturierung oder Ruhestand heißt.
Wenn du gerade an diesem Punkt stehst, egal ob noch im Job oder schon draußen, dann lass uns sprechen. Vereinbare ein kostenloses Strategiegespräch und wir schauen gemeinsam, was Arbeit für dich künftig leisten soll und was nicht mehr.
Häufige Fragen zu Arbeit und Identität
Warum fühle ich mich ohne Arbeit so leer?
Weil mit dem Job viel mehr wegfällt als das Einkommen. Struktur, Kontakte, Anerkennung und das Gefühl, gebraucht zu werden, hingen alle an derselben Quelle. Diese Leere ist eine normale Reaktion auf einen echten Verlust, kein Zeichen von Schwäche.
Ab welchem Punkt wird die Identifikation mit dem Job kritisch?
Identifikation an sich gibt Motivation und Sinn, das ist erst mal gesund. Kritisch wird es, wenn der Job deine einzige Quelle für Zugehörigkeit, Anerkennung und Selbstwert ist. Dann trifft dich jede Veränderung, ob Umstrukturierung, Jobverlust oder Ruhestand, mit voller Wucht.
Was würde mir fehlen, wenn mein Job morgen weg wäre?
Spiel es gedanklich durch. Wer würde dich nächste Woche anrufen, wenn die Kollegen wegfallen? Was würde deinen Dienstag strukturieren? Woher käme Anerkennung, wenn niemand mehr deine Arbeit sieht? Je schwerer dir die Antworten fallen, desto mehr hängt bei dir an dieser einen Quelle, und genau da lohnt es sich hinzuschauen.
Wie kann ich vorbeugen, damit mich ein Jobverlust nicht so hart trifft?
Bau weitere Quellen auf, bevor du sie brauchst, Beziehungen, die nicht über den Job laufen, Tätigkeiten, in denen du wirksam bist, ohne bezahlt zu werden, und Klarheit darüber, wer du außerhalb deiner Berufsrolle bist. Das braucht Zeit, deshalb fang nicht erst an, wenn die Kündigung auf dem Tisch liegt.


