Ich habe viele Menschen in meiner Beratung, die jahrzehntelang erfolgreich waren und sich nie bewerben mussten, weil sie immer für die nächste Position gefragt wurden. Der Arbeitsmarkt für Executives funktioniert jedoch heute anders. Früher bekam man ein Jobangebot. Heute muss man den Job suchen. Um die drei Mythen, die aus der „alten Welt“ stammen und bei der Jobsuche als Führungskraft mit 50 bremsen, geht es in dieser Podcast-Episode.
Mit den Jahren hat man ein stabiles Netzwerk aufgebaut, das sich wirklich sehen lassen kann. Und dann stellt man nach einer Freistellung oder einem bewussten Austritt fest: Es läuft nicht. Bewerbungen versanden. Headhunter melden sich nicht zurück. Das Netzwerk hält nicht, was man sich von ihm versprochen hat. Und die Abfindung, die sich vor einem Jahr noch komfortabel angefühlt hat, schmilzt langsam dahin. Was dann kommt, ist eine Mischung aus Ernüchterung und wachsenden Selbstzweifeln. Liegt das an mir, an meinem Alter, an meinem Lebenslauf? Meistens liegt es an nichts davon, sondern an drei Mythen, die ich immer wieder beobachte.
Hier kannst du die Folge 225 als YouTube-Video anschauen:
Mythos #1: Mit meiner Erfahrung finde ich als Führungskraft schnell wieder etwas
Das war tatsächlich mal so. Vor fünf oder sieben Jahren hat ein guter Lebenslauf auf Senior Level einen noch weit gebracht. Deine Erfahrung galt als Qualitätsmerkmal.
Heute ist sie das nicht mehr automatisch. Das klingt hart, ich weiß, aber das ist die Realität, die ich bei meinen Kunden immer wieder sehe, und ich möchte dir hier eine ehrliche Einschätzung geben.
Langjährige Berufserfahrung bedeutet im aktuellen Arbeitsmarkt zunächst, ganz offensichtlich, eines: älter. Und gegenüber Älteren gibt es leider Vorbehalte, berechtigt oder nicht. Manche Menschen lernen ab einem gewissen Punkt tatsächlich nichts Neues mehr, sind nicht mehr flexibel, wollen ihre Komfortzone nicht verlassen. Das stimmt. Aber es hat nichts mit dem Alter zu tun, es hat mit der Haltung zu tun. Und trotzdem wird es Ü50 pauschal unterstellt.
Was noch dazukommt: Der vielzitierte Fachkräftemangel hilft dir auf Executive-Ebene kaum. Der betrifft bestimmte Branchen und Fachberufe. Du kannst einen Pflegefachkraftmangel nicht mit einem freigestellten CFO ausgleichen. Das lässt sich nicht eins zu eins verrechnen.
Dein Lebenslauf ist eine Auflistung von Stationen. Er erzählt, was du gemacht hast. Er sagt aber noch nichts darüber, was das einem künftigen Arbeitgeber bringt. Und genau das ist der Unterschied zwischen einem CV und einer „Eintrittskarte“.
Was aus deiner Erfahrung eine solche Eintrittskarte macht, ist Positionierung. Die Fähigkeit, klar zu benennen, welches konkrete Problem du in welchem Kontext besonders gut lösen kannst und wer genau dieses Problem hat. Das ist die Übersetzungsleistung, die den Unterschied macht, nicht die Länge deines Werdegangs.
Wenn du das vertiefen möchtest, lies auch meinen Artikel über Bewerbung mit 50 als Führungskraft.
Mythos #2: Mein Netzwerk und meine Headhunter-Kontakte werden das schon richten
Du hast mit den Jahren ein gutes, stabiles Netzwerk aufgebaut. Du kennst Headhunter. Sie haben dich regelmäßig angerufen. Du weißt, wer in welchem Unternehmen sitzt. Und trotzdem kommt aus deinem Netzwerk gerade nichts.
Grund #1: Der Markt hat sich verändert
Das liegt zunächst am Markt. Laut einer BDU-Studie ist das Executive-Search-Geschäft 2024 um knapp fünf Prozent geschrumpft, für 2025 wird ein weiterer Rückgang erwartet. Headhunter haben weniger Mandate. Im Recruiting-Prozess wird mehr inhouse abgedeckt, mehr mit KI erledigt. Die Headhunter, die dich früher regelmäßig kontaktiert haben, stehen selbst unter Druck.
Grund #2: Dein Netzwerk weiß nicht, was es sagen soll
Dein Netzwerk kann nur dann für dich arbeiten, wenn es weiß, was es sagen soll.
Ich hatte neulich eine Kundin, die mir sagte, sie habe ein riesiges Netzwerk, das sei überhaupt kein Problem. Dann kam die Aufgabe, konkrete Gespräche zu führen. Und auf einmal war es doch ein Problem.
Wenn jemand nicht klar benennen kann, wonach er sucht und welches Problem er löst, dann kann auch das beste Netzwerk nicht empfehlen. Wie soll ich jemanden weiterempfehlen, wenn mir nicht klar ist, wofür? Du kannst jemandem, von dem du bedingungslos überzeugt bist, immer eine Empfehlung aussprechen, aber in allen anderen Fällen empfiehlt man leichter, wenn man einen konkreten Aufhänger hat.
Ein Netzwerk ohne klare Botschaft ist eine Adressliste, kein Hebel.
Noch ein Punkt zu Headhuntern, der oft vergessen wird: Sie arbeiten nicht für dich als Kandidat, sie arbeiten für den Auftraggeber. Ihr Ziel ist ein schneller, passgenauer Match. Wenn der Auftraggeber Vorgaben macht, die dein Profil ausschließen, auch implizit, dann hat ein Headhunter schlicht keinen Spielraum. Das ist kein persönliches Urteil über dich.
Wenn du tiefer in das Thema einsteigen möchtest: https://sabinevotteler.com/karriereumbruch
Mythos #3: Die Abfindung lässt mir Zeit, ich muss mich nicht beeilen
Du hast dir eine Pause verdient. Wer zwanzig Jahre Gas gegeben hat, darf innehalten, sollte es sogar. Und wenn du eine Abfindung hast, dann hast du dir diesen Puffer hart erarbeitet. Nutze ihn. Aber es gibt zwei Extrempositionen, die beide nicht zum Ziel führen.
#1 Sofort losrennen, bevor klar ist, wohin
Stellenportale durchwühlen, Lebenslauf polieren, überall bewerben. Das ist mit Kanonen auf Spatzen schießen. Ich sehe das häufig, und ich kann dir sagen: Es führt zu nichts außer großem Energieverlust. Wer die Ausrichtung nicht kennt, schreibt hundert Bewerbungen und bekommt hundert Absagen.
#2 Ein Jahr lang gar nichts tun
Und dann überrascht sein, dass es schwierig wird.
Ab wann wird die Lücke in der Jobsuche als Führungskraft mit 50 zum Problem?
Wer länger als sechs, sieben, acht Monate aus dem Markt ist, braucht eine Erklärung für den Lebenslauf. Irgendwann macht dich das „verdächtig“. Das muss dich nicht in Panik versetzen, es ist erklärbar, aber du solltest es auf dem Schirm haben. Irgendwann beginnen Unternehmen zu fragen, warum da jemand so lange nichts gefunden hat. Und wenn du dann noch keine klare Positionierung hast, wird aus einer erklärungsbedürftigen Lücke ein Problem.
Zeit lassen oder Zeit nehmen?
Was zwischen diesen beiden Polen liegt, ist der Unterschied zwischen Zeit lassen und Zeit nehmen. Sich Zeit nehmen ist aktiv. Es bedeutet, in Ruhe zu klären, was man will, was man mitbringt, wohin man passt, und sich dann aufzustellen. Das ist Arbeit, auch wenn du kein Gehalt dafür bekommst. Für viele meiner Kunden ist es ehrlich gesagt sogar Schwerstarbeit, weil Innehalten und Reflektieren keine Fähigkeiten sind, die man im Konzernalltag trainiert.
Mehr dazu: https://sabinevotteler.com/karriere-neu-erfinden
Was alle drei Mythen gemeinsam haben
Sie hängen alle an derselben Stelle zusammen: Positionierung. Wer weiß, welches Problem er für wen in welchem Kontext löst, hat einen klaren Lebenslauf, kann sein Netzwerk briefen, kann Headhuntern sagen, was sie suchen sollen, und kann eine Lücke im Lebenslauf erklären, weil die Person dahinter klar ist.
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Häufig gestellte Fragen
Ab wann wird die Lücke im Lebenslauf zum Problem, wenn ich als Führungskraft mit 50 einen Job suche?
Bis zu sechs Monate lassen sich gut erklären, vor allem wenn du die Zeit bewusst für Orientierung und Neuaufstellung genutzt hast. Ab sieben, acht Monaten wird es erklärungsbedürftiger. Der entscheidende Faktor ist nicht die Lücke selbst, sondern ob du klar benennen kannst, welchen Nutzen du einem Arbeitgeber bringst. Wer das kann, entwaffnet die Frage nach der Lücke von selbst.
Warum rufen mich Headhunter, die mich früher regelmäßig kontaktiert haben, nicht mehr an?
Das hat zwei Gründe. Erstens haben Headhunter im Executive-Search aktuell schlicht weniger Mandate, das Geschäft ist 2024 um knapp fünf Prozent geschrumpft. Zweitens arbeiten Headhunter für den Auftraggeber, nicht für dich als Kandidat. Sie können dich nur platzieren, wenn du genau auf ein bestehendes Suchmandat passt. Sichtbarkeit und eine klare Positionierung erhöhen die Chancen erheblich.
Wie aktiviere ich mein Netzwerk für die Jobsuche als Führungskraft mit 50?
Indem du deinem Netzwerk sagst, was es sagen soll. Das klingt banal, ist aber der häufigste Fehler. Kontakte können dich nur weiterempfehlen, wenn sie wissen, welches Problem du löst und für wen. Ein gut gepflegtes Netzwerk ohne klare Botschaft ist eine Adressliste. Mit einer klaren Positionierung wird es zum echten Hebel.
Reicht mein Lebenslauf nicht mehr, wenn ich als Führungskraft mit 50 einen Job suche?
Ein Lebenslauf listet auf, was du gemacht hast. Er sagt noch nichts darüber, was das einem künftigen Arbeitgeber konkret bringt. Auf Senior Level entscheidet nicht die Länge deines Werdegangs, sondern die Klarheit darüber, welches Problem du in welchem Kontext besonders gut lösen kannst. Das ist der Unterschied zwischen einem CV und einer echten Eintrittskarte.



