Mein Gesprächspartner in der neuen Podcast-Episode, Stefan Steinkuhl, hatte zwischen 60 und 70 Bewerbungen geschrieben. Ein, zwei, drei Gespräche kamen dabei heraus, aber einen Job bekam er nicht. Bewerbungen erfolglos, obwohl er sich in seinem Bereich, Logistik und Operations, für richtig gut hielt und sein Lebenslauf aus seiner Sicht überzeugend war.
Höre das Interview jetzt im Podcast:
Stefan hat sich vom Lagerhelfer bis zum Expansionsleiter hochgearbeitet. Über den zweiten Bildungsweg holte er das Abitur nach und schloss ein Logistikstudium ab. Jahre später nutzte er eine Phase der Arbeitslosigkeit infolge von Corona und absolvierte ein MBA-Studium. Direkt danach fand er wieder eine Anstellung. Als er dort ein paar Jahre später kündigte, tat er das ohne neuen Job in Aussicht. Genau an dieser Stelle beginnt die Geschichte, um die es in dieser Episode geht.
Kündigung ohne neuen Job – die richtige Entscheidung
Stefan wusste, was eine Kündigung ohne neuen Job bedeutet. Sperre beim Arbeitsamt, kein Einkommen, Zugriff aufs Ersparte. Er hatte sich vorher genau überlegt, was das für ihn heißt, und trotzdem fühlte sich der Schritt an diesem Tag im April überhaupt nicht gut an, obwohl er zu hundert Prozent überzeugt war, dass es die richtige Entscheidung ist.
Ihm war dabei immer ein Prinzip besonders wichtig: Er wollte niemals kündigen, weil er von etwas weg wollte. Er kündigte, weil er sich für etwas Neues entschied. Er sah sich immer selbst als Teil der Gleichung. Nicht nur das Unternehmen war verantwortlich. Er hatte sich weiterentwickelt, in eine andere Richtung als die Firma. Genau das war für ihn der Grund zu gehen, obwohl noch kein neuer Job in Aussicht war.
Bewerbungen erfolglos, weil er die falschen Fragen stellte
Schon während er noch im Job war, aber wusste, dass er etwas Neues wollte, hatte Stefan angefangen, sich zu bewerben. So entstanden über mehrere Monate 60 bis 70 Bewerbungen, mit wenig Resonanz.
Dann kündigte er, auch ohne neuen Job. Denn er war sich sicher, dass sich ansonsten nichts ändern, sondern nur ein weiteres halbes Jahr vergehen würde und er immer noch unglücklich im alten Job wäre. Nur mit noch mehr Bewerbungen. Mit diesem Schritt setzte er sich zum einen selbst unter Zugzwang und zum anderen schaffte er sich damit auch den Raum für eine echte Fokussierung.
Wie viele Menschen, deren Bewerbungen nicht fruchten, suchte Stefan zunächst die Ursache außerhalb: beim Arbeitsmarkt, bei KI-gestützten Bewerbungssystemen, beim Ghosting durch Unternehmen. Das alles existiert, sagt er, aber ändern konnte er es nicht. Der Wendepunkt kam mit der Frage, was er selbst in der Hand hatte, genau die Art von Umdenken, die am Anfang jeder echten Neuausrichtung steht.
Er holte sich einen befreundeten Karrierecoach zur Seite und ließ sich Feedback geben, nicht von Familie oder Freunden, sondern von Menschen, die sich mit dem Thema auskennen. Dabei kam heraus, dass sein Lebenslauf zwar gut war, aber nicht aus der Sicht von Menschen geschrieben, die jemanden einstellen. Er löste vielleicht sogar Ängste bei anderen aus und passte nicht immer zu dem, was gesucht wurde. Er begann sich zu fragen, wie sein Auftreten auf andere wirkt, aber auch, wohin er eigentlich wirklich wollte und was dazu nötig war.
Bewerbungen erfolglos, bis sich die Strategie änderte
Er arbeitete an seiner Positionierung, änderte seine Strategie und ging vor allem all in, komplett fokussiert auf diese eine Sache. Nach vier Wochen stand seine Positionierung.
Nebst Stellenportalen und Ausschreibungen auf LinkedIn nutzte er Personalvermittler und Headhunter, nicht nur für Kontakte, sondern auch als Feedbackgeber.
Auch die Sichtbarkeit auf LinkedIn wurde ein bewusster Teil seiner Strategie. Er kommunizierte dort in Beiträgen offen über seine Kündigung und nahm die Leser mit in seinen Prozess der Neuorientierung. Als er im Mai zum ersten Mal damit öffentlich wurde, ahnte er nicht, was er damit auslösen würde. Der Beitrag ging viral, er erhielt 500 bis 600 Nachrichten innerhalb von 24 Stunden! Genau durch diese Sichtbarkeit wurde auch eine Personalvermittlerin auf ihn aufmerksam, die ihn zu einer Stelle kontaktierte, die er sonst nie gesehen hätte. Das Gespräch mit ihr führte am Ende zu dem Job, den er dann auch annahm.
So kamen innerhalb von vier bis sechs Wochen 16 bis 17 Bewerbungen zusammen, woraus sich vier bis fünf Einladungen und zwei bis drei Jobangebote ergaben.
Noch mal gekündigt, diesmal ohne Angst
Den neuen Job trat Stefan im Oktober an. Damals hatte er bereits mit einer Selbständigkeit geliebäugelt, traute sich aber noch nicht zu diesem Schritt. Die Entscheidung, diese Stelle anzunehmen, war richtig, auch wenn er nach zwei Monaten im neuen Unternehmen merkte, dass seine Arbeitsweise nicht zur Unternehmenskultur passte. Zwischen Weihnachten und Silvester traf er die Entscheidung, noch in der Probezeit zu kündigen.
Diese zweite Kündigung fühlte sich anders an als die erste. Es ging nicht mehr um Existenzangst, denn die hatte er beim ersten Mal schon durchlebt. Es ging eher um eine Statusfrage. Er war sich unsicher, ob es an ihm lag, dass er zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit ging und stellte sich die Frage, ob er überhaupt noch als Angestellter arbeiten konnte.
Der Sprung in die Selbständigkeit
Zum 1. Februar war Stefan frei. Den Weg in die Selbständigkeit ging er genauso strukturiert an wie zuvor die Jobsuche. Er aktivierte sein Netzwerk, stellte sich eine persönliche Taskforce aus Gründungsberatern und Unternehmern zusammen und arbeitete einen Businessplan aus, der Finanzen, Steuern, Vertrieb und Tagessätze im Interim Management umfasste. Er machte einen Plan und begann, diesen umzusetzen.
Was am Ende zählt
Stefan räumt ein, dass es ein Privileg war, sich eine Kündigung ohne neuen Job finanziell leisten zu können. Das kann nicht jeder. Trotzdem betont er, dass es ihm nicht leichtfiel, vom Ersparten zu leben, dass aber jede Entscheidung ihre Konsequenzen hat, die er auch bereit war zu tragen.
Nach nun gut sechs Monaten Selbständigkeit ist er bereits erfolgreich und deutlich zufriedener als in den Jahren zuvor, auch ohne die Planungssicherheit einer Festanstellung. Wirtschaftlich, sagt er selbst, sei gerade kein besonders guter Zeitpunkt für den Schritt in die Selbständigkeit, ganz zu schweigen davon, dass Ü50 ohnehin oft als schwierigere Ausgangslage gilt. Für ihn persönlich wäre ein Aufschieben trotzdem nur eines gewesen, nämlich weiter unglücklich zu bleiben.
Sein Rat am Ende ist denkbar einfach: das Heft selbst in die Hand nehmen, statt darauf zu warten, bis einen die Umstände dazu zwingen.
Wenn du gerade selbst merkst, dass deine Bewerbungen erfolglos bleiben, oder überlegst, welcher nächste Schritt für dich der richtige ist, dann vereinbare gerne ein kostenloses Strategiegespräch mit mir.
Du kannst Stefan hier finden:
- Website: https://www.steinkuhl-consulting.de
- LinkedIn: https://de.linkedin.com/in/steinkuhl
Warum „Let’s talk about“?
Ich habe diese Interview-Reihe ins Leben gerufen, weil ich weiß, dass es eine ordentliche Portion Mut erfordert, beruflich neu anzufangen. Und weil ich weiß, dass Vorbilder und Gleichgesinnte oft der entscheidende Schlüssel sind. Sie zeigen, dass es funktioniert. Dass nicht immer alles glattläuft. Und sie erzählen, wie sie es gemacht haben, mit all ihren Ängsten, Hürden und ganz persönlichen Erkenntnissen. Wenn sie es geschafft haben, schaffst du es auch.
Häufige Fragen
Warum habe ich mit meinen Bewerbungen keinen Erfolg, obwohl ich qualifiziert bin?
Oft liegt es nicht an der fachlichen Qualifikation, sondern an der Positionierung. Wer sich auf zu viele unterschiedliche Positionen bewirbt oder nicht klar kommuniziert, wofür er steht, wirkt für Unternehmen unklar, selbst wenn er fachlich passen würde.
Mit wie vielen Bewerbungen muss man heutzutage rechnen? Was ist normal?
Es gibt keine feste Zahl. Entscheidend ist weniger die Menge als die Treffsicherheit. Wer wie Stefan mit 60 bis 70 breit gestreuten Bewerbungen kaum Resonanz bekommt, aber mit 16 bis 17 gezielten mehrere Angebote, sieht daran, wie stark Qualität die Quantität schlagen kann.
Kann man es sich heute noch erlauben, ohne neuen Job zu kündigen, oder ist das Harakiri?
Es ist ein echtes finanzielles und soziales Risiko, das nicht jeder eingehen kann oder sollte. Für manche kann der dadurch entstehende Druck aber auch der Auslöser für eine überfällige Veränderung sein.
Wie bekommt man Zugang zum verdeckten Stellenmarkt?
Über Personalvermittler und Headhunter, die Stellen häufig kennen, bevor sie öffentlich ausgeschrieben werden, sowie über ein aktives Netzwerk und sichtbare Präsenz, zum Beispiel auf LinkedIn.


